Tikosch hatte das zwecklose Feuer gar nicht erwidert, um den Gegnern nicht die Richtung, in der sie hielten, noch deutlicher anzugeben. Jetzt packte er selber ein Ruder und stemmte sich dagegen, daß es beinahe brach. Mit leisen Rufen eiferte er seine Gefährten an: »Hallo, wacker! Die Donau ist hier mindestens ein Kilometer breit, und wir können sie nur schräge durchrinnen! Das braucht eine halbe Stunde, aber es muß eine Viertelstunde draus werden! Nasser Heinrich, du Lump hast das Boot losgelassen? Zieh an, zieh an! Was hast du denn?«

»Ich weiß nicht,« sagte der Vagabund ängstlich; »mich hat's da vorn an die Brust geschlagen, und jetzt wird mir so warm an der Stelle.«

»Kreuz Teufel!« rief Tikosch leise und sprang zu ihm hin. Er riß ihm Rock und Hemde auf und sah, daß der verlaufene Schulmeister mitten durch die Brust geschossen war. »Rudern, rudern, wie die Teufel,« drängte er, und nachdem er den Ärmsten, der sich gar keiner Gefahr bewußt schien, notdürftig verbunden hatte, griff er selber zum Ruder.

Aber es schien, als führen sie ins Endlose, ins Nebelreich ohne Trost und Hoffnung hinein! Dieser Weltenfluß war wie ein großer See, und kaum eine leise Strömung zeigte die Richtung, wohin er wollte.

Der Verwundete wurde blaß; aber als Tikosch ihn fragte, ob er Schmerzen hätte, lächelte er ungemein gütig und trostreich und schüttelte den Kopf. Nur daß er mit dem Atem Beschwerden hatte, war deutlich. Und die dreie bissen die Zähne aufeinander und ruderten und ruderten.

Der Morgen wurde klarer, die Nebel trieben hier- und dorthin, und wenn sie einen Augenblick die Ferne preisgaben, sahen die Flüchtlinge große Segelschiffe wie Geisterbriggs auf den Wassern schweben, geräuschlos, verschlafen und unbelebt. Endlich hörte selbst die leise, unmerkliche Strömung auf, die sie bis hier abgetrieben hatte, und Tikosch sah graulich die Bäume des andern Ufers. »Rumänien!« rief er.

Der nasse Heinrich lächelte noch immer. »Hier werde ich von euch Abschied nehmen,« sagte er leise. »Ich muß diese dumme Wunde ausheilen, dann aber gehe ich nach Süden. Ich mag nichts zu tun haben mit den Händeln der Menschen. Ich bin vielleicht ein Egoist; aber wer wie ich den alten Göttern so nahe in die unsterblichen Augen geschaut hat, der kann nie und nimmer zu den Märkten, zum Gewinn und — — — und solchen Dingen zurück. In Griechenland wird mich die Sonne heilen. In Griechenland wird mir mein Onkel Boreas seine schönste Musik machen, die ich so gern habe, und ich werde dabei schlafen wie ein Kind, ohne daß ein Leutnant mich anschnauzt. Na, nichts für ungut. Ich habe mich ja doch für einen armen Schulmeister brav genug gehalten.«

Tikosch drückte ihm die Hände; dann stießen sie, unverfolgt und in großer Stille, an das Ufer, und der Leutnant trug den Wunden mit behutsamen Händen auf den Grasboden der Au. Hinter den Bäumen glänzte es feurig empor, die Sonne, die neue Sonne ging auf, unter der sie frei waren und wieder am Tage leben durften, sie alle, bis auf den einen.

Der sprach noch einige undeutliche Worte, man möge ihn zudecken, es würde frostig; dann murmelte er etwas vom feurigen Phöbus, riß seine Augen groß auf, drehte sich neugierig nach dem Morgenrot und starrte so lange hinein, bis seine Pupillen ganz groß wurden, trotz der blendenden Glut. Die Augen nahmen den Ausdruck ungeheurer Neugier und Spannung an und blieben selbst, als der Körper mit einem kleinen Rückchen in sich zusammensank, eine ganze Weile so, bis Tikosch merkte, daß sie wesenlos geworden waren.

»Nach Griechenland,« sagte Tikosch wehmütig. »Jetzt ist er nahe beisammen mit seiner Natur und seinen alten Göttern. Sonne, Wind und Wald!« Und er griff seufzend nach seinem kleinen Infanteriespaten und begann das Grab zu schaufeln.