»Ich danke! Ich habe an einem neutralen Land, das uns festhalten kann, gerade genug und will nicht doppelte Grenzschwierigkeiten haben,« lachte Tikosch und trieb seine Gefährten zu einem Gewaltmarsch an, bei dem ihre durchnäßten Kleider bald wieder trocken und ihre Körper warm wurden. So wanderten sie in einem Tempo, das nur abgehärtete Walzenbrüder zu ertragen vermochten, mit beinahe sechs Kilometer in der Stunde die ganze Nacht.

Eine Stunde vor Mitternacht war die Brücke in die Luft geflogen, und mit Anbruch des Tages, der in diesen Herbstzeiten erst lange nach fünf Uhr zu grauen begann, kamen sie hinter Salasch in ein Hügelland, in dem die Straße stark zu steigen begann. Bisher waren sie durch fruchtbares und angebautes Land gewandert, immer flugs im Straßengraben, sooft ein einsamer Nachtwanderer oder ein Wagen nahekam; jetzt wurde das Land öde. Links von ihnen zogen sich noch Felder und Viehweiden gegen Sikale hin, rechts begann aber der Wald, und das Gebirge, durch dessen Paß die Straße sich wand, mochte immerhin schon als Bergland gelten. Der große Wald rechts an der Straße war der letzte auf ihrem Wege; denn bis über Negotin und an die Donau hin gab es außer Fruchtland nur Sümpfe und bestenfalls Auen. So beschloß Tikosch, hier den Tag zu verschlafen, und die drei Vagabunden wollten im nächsten Dickicht schon hinfallen, so müde waren sie.

Tikosch, der auch ein Gefühl hatte, das ihn antrieb, am liebsten auf dem Bauche weiterzukriechen, hielt sich mit übermenschlicher Gewalt aufrecht. »Es ist der letzte Tag auf serbischem Boden,« redete er den Erschöpften zu; »wenn sie uns heute entdecken, ist alles verloren! Es heißt, alle Kräfte zusammenraffen und eine große, undurchdringliche Dickung suchen, wie die, an welche wir gewöhnt waren, und die uns ganz sicher schützte.« Und er trieb sie wieder auf, bis sie an einem ganz mit Brombeerdorn verwucherten Schlag eine niedrige, wildverworrene Waldstelle fanden, in die Tikosch den Weg mit Messer und Standhauer bahnen mußte. Denn seine Kerle waren dazu außerstande und warfen sich gleich auf die Erde hin, um zu schlafen.

Als Tikosch ihnen inmitten des Jungholzes, das hier aus Buchen und Eichenhorst bestand, ein Nest geschaffen hatte, trug er die Waffen und die ganze ärmliche Habe der dreie hinein und entzündete aus trockenen, kurzen Holzstücken eines jener kleinen Feuer, die beinahe gar nicht rauchen. Dann bereitete er ein tüchtiges Frühstück und weckte erst jetzt seine drei armen Teufel, die zuerst nur immer weiterschlafen und gar nichts essen wollten, bis der nasse Heinrich am Dufte des Tees merkte, daß das ein Grog war, wie man ihn an der Nordsee braut: bei dem das Wasser nur die Rolle einer verschämten Anstandsdame spielt. Da riß er durch seine Begeisterung die beiden andern hin. Diese griffen jetzt auch nach dem auf einem Spieße gebratenen Fleische vom letzten Rehbock, den Tikosch hatte schießen können, und so trocken das an der Sonne Gedörrte auch war, es schmeckte jetzt. Erst als Tikosch sie wieder satt, erheitert und ganz bei Kräften sah, ließ er sie weiterschlafen, warf sich selber hin und schlief auch schon während der Überlegung, ob es sich auf der andern Seite nicht noch behaglicher läge, ein.

Den ganzen sonnigen Tag raunzten die viere so dahin. Gegen Nachmittag streckte sich einer, gähnte und suchte nach Futter; die andern folgten ihm und aßen, was ihnen noch geblieben war: geröstete Maronen, Speck und kalten Braten, und tranken den letzten Wein, den Heinrich gestohlen hatte. Dann schliefen sie wieder weiter. Nur Tikosch sah sich die Karte an und berechnete den Weg, den sie um das dichtbesiedelte Negotiner Gebiet zu umschlagen hatten, um an die Donau zu kommen, ohne gesehen zu werden. Denn ihre Vorräte waren zu Ende, und die nächste Nacht mußte sie auf rumänischem Boden finden.

Dieser Nachtmarsch durch Sümpfe und Auhölzer, oft bloß den Sternen und dem Kompasse nach, war trotz seiner geringeren Länge von kaum dreißig Kilometer der anstrengendste, den sie bisher durchgemacht hatten, und obwohl die viere schon nach Einbruch der Dunkelheit aufgebrochen waren und über zehn Stunden Nacht vor sich hatten, so war schon ein ungewisses Licht über der Ebene des Ostens, als sie an dem riesigen Strome anlangten, wo sie lange, lange in steigender Verzweiflung nach dem Boote suchten, ohne es zu finden. Keiner erkannte die Gegend, so düster, neblig und ungewiß war alles.

Der Fluß wurde graulich, und immer noch hatten sie kein Boot. Da sagte Tikosch entschlossen: »Jetzt gehen wir so weit, bis wir eines zu rauben oder zu stehlen finden. Wir müssen einfach drüber, und wenn's knallen sollte. Herrgott, ich würde für einen ordentlichen Kampf dankbar sein!« Und ohne sich um die verdutzten Gesichter seiner Genossen, die sich schon sicher gefühlt hatten, zu kümmern, schlug er den Weg nach dem Orte Prahovo ein.

Es war die höchste Zeit, denn die Gegenstände am Ufer wurden schon ungewiß und verwaschen sichtbar. »Es muß ein Zollhaus oder sonst was dort im Dorfe sein; da nehmen wir gleich das offizielle Kriegsboot der Finanzwache weg! Haha!«

Und wirklich: gleich am Beginne des Ortes lag eine kleine Lehmhütte, die das serbische Wappen trug. Eine elende Holztreppe führte zur Donau hinunter, und dort lagen, undeutlich zu sehen, zwei Boote. Tikosch rannte hin. Besinnungslos, und so schnell er konnte, stürzte er den Abhang hinab und mußte nun auch die Arbeit allein tun, die er hier fand. Denn er prallte gerade mitten unter ein halbes Dutzend von Zollwächtern, die eben auf ihre Boote zukamen, um flußabwärts zu streifen. Ohne Besinnung riß er den Browning heraus und schoß auf die schattenhaft sichtbaren Gestalten, indem er so scharf zu zielen versuchte, als es nur möglich war. Einer fiel, ein zweiter wankte, die andern schrien auf und schossen blindlings vor sich hin. Tikosch hatte sich sogleich auf die Erde geworfen und schoß, die Pistole auflegend, mit noch mehr Besonnenheit nach einem dritten der nebelgrauen Männer, der auf ihn zugestürzt war. Lang hinschlagend schmetterte auch der zu Boden, und jetzt kamen mit Hurra und Donnerwetter die drei Strolche hinterher; die Finanzer prallten zurück und verschwanden im Morgennebel. Mit rasender Geschwindigkeit durchschnitt jetzt Tikosch die Stricke, die beide Boote hielten, trieb seine Gefährten hinein und stieß ab, indem er das andere Boot hinter sich herzog.

Die dreie ruderten verzweifelt in das träge Grau des Stromes hinaus, und vom Ufer her knallte und prasselte es kopflos und wütend ins Graue hinein. Der Nebel verbarg die Flüchtlinge; aber da die Wache nach dem Schlagen der Ruder die Richtung vermuten konnte, so sauste und heulte es in bedenklicher Nähe dicht um sie. Alle Augenblicke sprühte ein Wasserschlitz neben ihnen dahin, wenn ein Geschoß den Fluß streifte. Der nasse Heinrich, der das zweite Boot zu halten hatte, ließ es los. Dann wurde es stiller. Sie fahndeten dort drüben jetzt offenbar nach dem anderen Boote.