»Du wirst,« sagte Tikosch mit erschreckend tierischem Ausdruck in den Augen.
Er war wild geworden. Wenn der Sprengschuß nicht losging, dann war er in seiner sinnlosen Wut zu allem fähig.
Der nasse Heinrich senkte sein Haupt und war wieder im Banne des starken und gefährlichen Kerls, der ihn mit seiner ganzen Gescheitheit umzudrehen vermochte wie der Riese ein Kind. Er biß sich im geheimen auf die Lippen, nahm sich vor, diese Gewaltnatur baldigst zu meiden und dann drüber nachzudenken, ob es ein Mittel des Geistes gegen derartige tyrannische Energien gäbe.
Aber mehr und mehr stieg sein Unbehagen, unter dem er sich wand und drehte, weil das Hinhorchen Tikoschens nach der Brücke sich jetzt gänzlich in Spannung und in einem schrecklichen Blick konzentriert hatte, den er auf den rebellischen Schwächling heftete. Dieser Blick drehte und bohrte an ihm wie etwas körperlich Wuchtendes.
»Siehst du, daß du mußt,« sagte der Leutnant mit einem unbeschreiblich teuflischen Hohn in der Stimme, als hätte er selber seine ungeheure Gewalt über dieses feine Gehirn erkannt. »Ich wußte schon seinerzeit, als ich dich das erstemal — — —«
Weiter kam er nicht. Ein leiser Schrei Simons, der die Feuergarbe an der Brücke emporfahren sah, unterbrach ihn. Dann kam ein furchtbarer Knall; er erschütterte die Nacht und wurde von einem wilden Triumphruf des Offiziers begleitet, der jetzt wie umgewandelt war. Er lachte, fiel dem nassen Heinrich um den Hals, schrie ihm zu: »Bruder, Bruder, sei gut!« Und dann rannten sie um Tod und Leben am Timokufer entlang, erst an der Lahn, dann ins Wasser springend und watend, soweit es die Ufer zuließen, die hier bald wieder steiler wurden. Der Fluß riß einen um den andern dahin, aber immer wieder warf Tikosch ihm den Strick zu, den er von der Brücke in merkwürdiger Geistesgegenwart noch losgeschnitten hatte, und rettete so erst den nassen Heinrich, der jetzt wirklich bis auf die Haut durchgeweicht war, und dann den Tiroler.
Als sie sahen, daß ihre Munition, deren sie jetzt sehr bedurften, auf diese Weise zu Schaden kommen müsse, bogen sie gegen Westen ab und kamen hinter Mala Jasikova wieder auf die Straße, ohne etwas von Verfolgern gesehen zu haben. Denn die drüben, welche glauben mußten, daß die Brücke von der bulgarischen Seite gesprengt worden war, hatten genug zu tun, um den Zug von Zajetschar her aufzuhalten. Man hörte sie brüllen!
»Wenn die Kerle Kavallerie haben, dann geht's heiß zu,« sagte Tikosch. »Aber zu fürchten ist auch dann immer noch nichts! Sie glauben uns ja doch am andern Ufer!«
Sogleich wollte der besonnene Simon auch hier die Telegraphenleitung durchschneiden, wie sie es an der Brücke getan hatten, aber Tikosch hinderte ihn daran. »Es wäre geradezu ein Wegweiser für unsere Verfolger,« sagte er. »Unsere Spuren, die sie ja wieder mit Hunden aufnehmen werden, führen an den Timok gerade an die Stelle, wo die bulgarische Grenze am nächsten ist! Da wir in den Fluß hinein sind, müssen sie glauben, wir haben uns hinübergerettet, und uns für eine bulgarische Bande halten, die sie nicht mehr weiter verfolgen können. Ich wette, es kommt niemand auf die Idee, daß wir ganz gemütlich im Lande gegen Negotin weitermarschieren!«
»Aber warum sind wir nicht gleich nach Bulgarien hinüber?« fragte der Schulmeister.