Aufatmend standen die viere. Nun kam aber das Schwierigste, und so spannend wurde jetzt die Szene, daß selbst das Herz des Offiziers zu jagen und tollzuwerden begann. Wie ein Jagdfieber ergriff es ihn, und er mußte mit aller Gewalt Herr dieser Erregung werden, die ihn schüttelte, während er dem Toten die Kleider auszog und dem scheckigen Simon hineinhalf. Grimmig lachend streckte sich der in der wilden, schmutzigen Tracht des Komitatschis, und wohlgefällig ergriff er das alte Mausergewehr des Gefallenen. Er erkannte gleich die deutsche Arbeit. »Da kenn' ich mich aus,« sagte er und schlug an den Verschluß. Dann sah er nach, ob die Büchse geladen war, nickte kurz und schritt langsam und hochaufgerichtet mit der ganzen trägen Würde des Orientalen, dessen Kleider er trug, auf dem Damme nach der Brücke zu. In entsetzlicher Angespanntheit folgten ihm, an den Damm geduckt, die drei andern, die eine ganze Weile nur Zuschauer sein durften; denn auf die Brücke konnte außer Simon sich keiner wagen.

Langsam, schauerlich langsam schritt der Deutsche auf dem Damme dahin, und Tikosch, der ihn am liebsten befeuert hätte, bewunderte dennoch klopfenden, jagenden Herzens die entsetzliche Fassung dieses Mannes, der ganz genau wußte, daß die geringste Eile Verdacht erregen mußte! In grausig träger Faulheit schlenderte der Mordgierige gegen die Brücke, kam an das Ufer, drehte sich faul und gelangweilt um, sah hinter sich, neben sich am Flusse hinab und schien gar nicht mehr von der Stelle zu wollen. Aber er wartete mit der Gespanntheit einer lauernden Katze auf den Posten von der andern Seite, der ebenso träge herankam und gar nicht auf die Brücke zu wollen schien. Und doch mußte er so weit wie möglich herüber!

Endlich, als sein Kamerad so gar nicht aufhörte, in den Fluß zu schauen, kam er schlendernd und gleichgültig näher, und eine Welt von Zwecklosigkeit lag in seinem Todesgange. Denen an der Brücke brannten und kreisten die Augen, so fressend verfolgten sie ihn mit den Blicken. Und langsam schlenderte auch der falsche Posten in seinen Opanken vor sich hin; die beiden kamen sich in unerträglicher Gleichgültigkeit näher, näher. Nun waren es noch drei Schritt, und Simon brachte es zuwege, sein Gewehr, Kolben rückwärts, über die Schulter zu nehmen und sich über das Brückengeländer zu beugen. Da trat der fremde Posten neugieriger ganz nahe an ihn heran.

Die dreie sahen nur noch, wie der Gewehrkolben des Simon blitzschnell in die Luft fuhr und herniederzuckte. Das Krachen des furchtbaren Hiebes verschlang der rauschende Fluß, aber sie hörten es dennoch in ihrer entflammten Phantasie, so grauenhaft deutlich war ihnen alles. Und wie vom Blitz erschlagen lag der serbische Mann. Simon beugte sich noch über ihn, als die drei schon heranwaren, aber da gab es nichts mehr zu retten; der feindliche Posten war schon hinüber.

Mit schrecklicher Geschwindigkeit entwaffnete ihn Tikosch und gab Gewehr, Patronentasche und Bajonett an den Tiroler, der seinen Vorderlader nun an den Schullehrer abtreten mußte. Dann schwang sich der Offizier, der rasch ein Seil hervorgezerrt und an das Brückengeländer geknüpft hatte, über die Brüstung, um den Hals die große Sprengbüchse, und verschwand in der Nacht unter ihnen.

Atemlos lauschten die dreie nach der Baracke, und jede Minute kam ihnen vor wie eine Stunde. Wenn jetzt Ablösung herauskam! Der Schulmeister hielt in jeder Hand eine Bombe; nervös zuckten ihm die Arme, aber er wußte doch, was er zu tun hatte, wenn sie jetzt ertappt wurden. Ja, er ging sogar ein paar Schritt über den Brückenpfeiler hinaus, damit er nicht voreilig seinen Leutnant mit absprengte, wenn die von drüben sie anrannten. Und sie brannten ihre Blicke in die Nacht, lange, lange; dies Warten war zum Wahnsinnigwerden. Denn jetzt gab es nichts zu sehen wie früher; nur das Nichts belauschen konnten sie, das Nichts, aus dem jeden Augenblick der Tod auf sie zuspringen konnte.

Aber die Kerle drüben schienen zu schlafen, wie die ewige Gnade in dieser schaurigen Zeit!

Endlich, endlich kam Tikosch über den Bord der Brücke geklettert, keuchend quoll ein unterdrückter Triumphruf aus seinem aufgerissenen Munde. »Und jetzt hallo, zurück, die Lunte brennt! Brrr! Aber leise, husch, husch, es dauert eine ganze Weile, bis es knallt, und sie können noch dreimal herüber!« Und geduckt wie Katzen sprangen die Verschworenen den tödlichen Weg zurück, den sie gekommen waren, wichen dem Städtchen ostwärts am Flusse hinbiegend aus und traten dort, wo die Bahn wieder an die Krümmung des Timok schloß, ans Ufer. Gespannt horchten sie — nichts war. Da kam das Rollen des Zuges von Zajetschar, ganz ferne.

»Der Teufel, wenn die Zündschnur ausgelöscht wäre oder sonst was nicht in Ordnung ist!« flüsterte Tikosch. »Wir müßten zurück!«

»Ich kann nimmer,« keuchte der nasse Heinrich. »Das war zu viel!«