Gegen die Brücke zu lief ein Bahndamm, und Tikosch hatte geplant, sich hinter dem Schutze dieses anzuschleichen und auf die Gelegenheit zu warten. Während sie hier die Telegraphenleitung mehrfach durchschnitten, kam ein fernes Hallen aus dem Norden, das sich an den Wäldern und Bergen links immer mehr verwirrte und verstärkte, und brachte sie zum Lauschen.

»Es ist ein Zug, der von der Donau herkommt; er muß in Trnawatsch sein,« sagte Tikosch. »Warten wir, bis er in Vrazograci eingefahren ist, und benützen wir ihn dann, um in seinem Schutze ganz nahe heranzukommen. Übrigens ist in Zajetschar Knotenpunkt, und kurze Zeit nach dem Donauzug wird einer von Zajetschar aus abgelassen. Das haben wir jedesmal gehört in diesen Nächten. Mit dem Donauzug pirschen wir uns an. Mit dem Zajetscharer Zug überrumpeln wir den Posten auf dem linken Ufer. Den auf dem rechten nähme ich gerne auch selber auf mich, denn das wird Arbeit für einen ungewöhnlich geschickten Kerl sein. Aber ihr könnt keiner die Sprengbüchse sachgemäß befestigen?«

Der scheckige Simon widersprach hartnäckig; den Posten am rechten Timokufer wollte er allein abtun, und zwar so stille, daß die in der Baracke gar nichts ahnten. Er hatte seinen Plan, und eine solche Zuversicht brannte in seinen Augen, daß Tikosch ihn gewähren ließ. Sie lauerten. Der schwache Mond trat dann und wann hervor und zeigte ihnen, daß wirklich zwei Posten auf der Brücke hin- und wiedergingen. Der vom linken Ufer, auf ihrer Seite also, ging stets ein Stück den Bahndamm entlang gegen Vrazograci, kehrte dann um und ging bis über die Mitte der Brücke, wo er sich mit dem andern Posten häufig traf. Sie schienen sich aber dort, in trägem Hinduseln, wenig mitzuteilen, denn oft machten sie schon dreißig Schritt voneinander kehrt und streiften dann jeder wieder seine eigene Partie ab. Auch geschah ihr Zusammentreffen auf der Mitte der Brücke durchaus nicht regelmäßig, sondern meist kehrte der eine um, wenn er den andern jenseits erscheinen sah. Aber gerade auf dieses Zusammentreffen gründeten Tikosch und der scheckige Simon ihren Plan.

Endlich grollte das schwache Donnern des Zuges von Norden heran. Seine Fenster waren fast gar nicht beleuchtet; es mußten viele Lastwagen darunter sein. »Da kriegen die Kerle wieder Fraß und Munition von Rußland über Rumänien,« sagte Tikosch grimmig. »Schade, daß wir nicht gleich den Zug mit ins Wasser sprengen können!« Der Eisenwurm kroch heran; langsam wurde das Rollen und Grollen stärker, ging in ein Donnern über.

Tikosch warf noch einen furchtbaren Blick auf den ahnungslosen Posten, der auf der linken Bahnseite stand. Ihm gegenüber war ein kleiner Busch, den sich Tikosch merkte. Er wußte, daß die Posten instinktiv stehenblieben, wenn ein Zug vorüberrollte, und diesen anstarrten. Durch das wenige Licht, das aus den Fenstern drang, mußte der Posten doch immerhin etwas geblendet werden, und wenn er die Stelle erreichte, ehe der letzte Wagen vorübergerollt war, so konnte er auf einen Erfolg rechnen.

Als daher der Zug herankam, sagte Tikosch: »Folgt mir, so schnell ihr könnt!«

Dann sprang er, auf die Dunkelheit und den Umstand bauend, daß die Augen des Lokomotivführers ans Grelle gewöhnt waren, empor, sobald ihn die Maschine erreicht hatte, und lief in einem geradewegs verrückten Tempo neben dem Zuge her, dessen Geschwindigkeit die eines frischen Radfahrers nicht übertraf. So überholte ihn der Zug nur langsam, wie er unten am Damme in der Dunkelheit dahinsprang, und der letzte Wagen kam eben an den Busch, als Tikosch diesen erreichte.

Wie ein Panther sprang der geschmeidige Offizier dicht hinter den Signallichtern des davoneilenden Zuges über den Damm und sah das beleuchtete Antlitz des Postens dem Zuge nachstarren; aber das war nur eines Blitzes Länge so. Denn im nächsten Augenblick hatte sich der rasend schnelle Ungar auf den emporschreckenden Mann geworfen, die eine Hand faßte nach der Kehle, die andere stieß zu — — lautlos fiel der Mann um, und über die ihn festhaltenden Hände des Offiziers, der noch einen Schrei befürchtete, sprang in heißem Strahle das Blut des Erstochenen.

Tikosch rollte beinahe mit dem Fallenden den Bahndamm herunter, so schwer sank der hintenüber.

Dann, als er sah, daß der fremde Mann ein schmerzlos und angstfrei Ende gefunden hatte, glitt er wieder über den Damm zurück, wo die Gefährten eben ankamen. »Den einen haben wir,« sagte er atemlos, aber mit grausiger Sachlichkeit. Nun warteten und lauschten sie. Wenn auch nur ein Mensch im Zuge etwas von den Anspringenden gemerkt hatte, so blieb die Maschine jenseits der Brücke stehen. Dann hieß es nur schnell die Bomben werfen, damit wenigstens der Oberbau zertrümmert würde und die von drüben nicht nachkämen. Aber in ungemindertem Donnern rollte der Zug weiter gegen Veliki Izbor zu und verrasselte in der Ferne, wo die steilen Felsenufer der bulgarischen Grenze das Donnern hundertfach wiederholten.