Als Tikosch sich leise dem Biwak seiner kleinen Patrouille näherte, fand er den nassen Heinrich im Begriffe, den Schlampenschneider Wiener Walzer tanzen zu lehren. Er hielt stille und lauschte, wie der weinende Philosoph dem phlegmatischen Tiroler zeigte, wie sich die Dame zu halten hätte und wie der Herr. Aber als er mit zierlicher Verbeugung auf den scheckigen Simon zuging und den, als den Vorbildlicheren in Dingen guten Tones, zum Tanze aufforderte, als Simon kokett nach seinem Jackenzipfel griff und den über den Ärmel legte wie eine Schleppe und seine Arme um den nassen Heinrich schloß, da wieherte er ein schallendes Kasernenlachen heraus. Vergessen waren Livia, Pan und Apollo!
Die Walzenbrüder begrüßten ihn stürmisch, er aber winkte sie heran, entwarf auf seinem Notizblock einen Plan von Wachthaus und Brücke und sagte jedem so klar, was er wolle, und wie er das Ding zu sprengen gedenke, ohne daß sie Gefahr liefen, daß alle gleich voll Eifer bei der Sache waren und das todsichere Gefühl hatten, das Ding müsse und müsse glücken!
Dann kam die Nacht, die bänglich erwartete Nacht. Dem nassen Heinrich hatte Tikosch allen Schnaps fortgenommen. »Bloß dicht vor der Brücke kriegst du einen ungeheuren Kriegsschluck,« sagte er. Nun fröstelte der nervöse Philosoph beständig, und tiefes Unbehagen würgte in ihm.
»Hast du Angst?« lachte Tikosch.
Der nasse Heinrich schüttelte etwas kläglich den dünnen, blonden Kopf mit der spitzen Nase.
»Angst nicht,« sagte er; »nur meine Phantasie arbeitet zu grell und deutlich alle Konsequenzen voraus.«
»Es gibt keine Konsequenzen,« sagte Tikosch entschieden. »Wir wissen, wohin wir zu schießen haben, die wissen es nicht. Wir sind die Entschlossenen, sie die Überraschten. Allen Grund, sich zu fürchten, haben sie.«
Es ging eine solche Entschlossenheit von dem stahlhart gewordenen Manne aus, daß der nasse Heinrich, der durchaus nicht energielos war, fühlte, daß auch in ihm selber dergleichen stak und jetzt stärker und stärker wurde. Es ist wunderbar, wie das Selbstvertrauen und die Kraft einer starken Natur ausströmen und sich verteilen kann, wie Christi sieben Gerstenbrote auf fünftausend! Die drei Vagabunden waren in wenigen Minuten Männer von Federstahl geworden; unzerbrechbar und doch von gefährlicher Schnellkraft. Nun schlichen sie durch die Waldnacht und mieden, heraustretend, sorgfältig die bewachten Weingärten. Erst im Bachbette, dann durch Ried und Sumpf wateten sie; Tikosch trug seinen Browning.
In weitem Bogen wichen sie dem nachtstillen Orte Vrazograci aus, der nur eine Viertelstunde vor der Brücke lag. Näher an der Brücke steckte Tikosch seine Pistole ein und zog das Jagdmesser, denn es mußte womöglich stille Arbeit getan werden, damit man sie nicht vom Orte aus ertappte. Der Hannoveraner hatte den Standhauer und schwang ihn angriffslustig durch die Luft, daß er pfiff; nur der Tiroler, dem das Schießen von Kind auf im Blute lag, hatte den Vorderlader bekommen mit dem scharfen Befehl, erst dann zu schießen, wenn es nichts mehr zu verheimlichen gab und Not am Manne war. Sein Phlegma verbürgte, daß er die Ladung im Laufe behielt, wenn nicht der Feind früher schoß. Der nasse Heinrich trug die Fliegerbomben. Tikosch hatte ihm gesagt, daß sie erst acht Sekunden nach dem Aufschlagen zündeten, und zeigte ihm, wie man sie durch Schlag entzünden mußte. Dann hieß es kaltblütig bis fünf oder sechs zählen, und dann erst sorgsam werfen. Das hatten sie im Biwak geübt. Stürmte eine Übermacht auf sie zu und war für das Schnellfeuer der Browning zu stark, so bekamen sie ein paar »Knallzuckerl«, wie Tikosch seine Bomben nannte, zwischen die Beine. Das sollte auch auf der Brücke gelten, wenn die ganze Wache auf sie loskam; so kriegte die Brücke auch gleich was ab. Lief aber alles in Ruhe ab, so kam die große Sprengbüchse an den Pfeiler; das gab dann ungleich mehr aus.
Sie bogen nun weit nach Süden aus; der Ort war überwunden.