Er blieb stehen und sah in das weite Land hinaus, über den Fluß und in die Weingärten, die bald unter dem Walde begannen. In diesem Paradies konnte er bleiben, an der Seite eines wunderschönen Mädchens, das er liebte, und das er sich nun doch gewinnen konnte? Er sah sie an, wie sie wortlos und dennoch mit dringlich leiser Frage neben ihm ging, schön und leidend wie dieser überirdisch klare, bewußte Herbsttag. Diese herrlichen Glieder, die nie um eines Mannes willen gebebt hatten, vibrierten jetzt zum ersten Male in mädchenhaftem Schauern, und das hochgemute Geschöpf war weich, traumverloren und gelöst; er fühlte es.
»Wenn ich wiederkäme, Livia?«
»Du wirst nicht wiederkommen. Jahrelang wird der Krieg über diesem unseren Lande liegen und nichts als Haß und Elend daraus saugen. Vielleicht kommt ihr als Sieger bis daher. Da aber dieses Land entweder von selbst in eure Hände fallen wird, wenn ihr dem Russen auf der Brust kniet, oder nie, so müßtest du kommen, wenn ein ungeheures Erleben sich zwischen dich und mich gedrängt haben wird: in einer Zeit, die dreifach zählt. Du wirst gejubelt und gefrevelt haben, gelitten, gehungert, gepraßt, geflucht und gebetet, und deine Seele wird sich mit Größe und mit Lastern bedeckt haben, von denen jedes einzelne schon dich von mir trennen wird. Bei deinen Kameraden wirst du lachen über das stille Gottesgefühl, das ich dir geben wollte, und du wirst wieder werden, wie du warst, und wie sie sind. Ich weiß das, und ich werde es mir immer wieder sagen, um dich zu vergessen. Wir sind aus zwei andern Welten.«
Sie schwieg, denn die Tränen standen ihr nahe, und sie wollte ihn durch ihre Schwäche nicht begehrlich machen, damit sie nicht sein Opfer würde; hier, am letzten, nach Glück rufenden Tage in der lockenden Einsamkeit. Er sah sie an, prüfte sie und wurde wieder irre, so stolz sah sie aus. Dann blickte er nach dem Süden. Dort lagen klein und geduckt um die Stadt Zajetschar die Forts, und der Timok ging dahin, bis zur fernen Brücke, die er heute nacht geprüft hatte. Da riß es sich in ihm mächtig empor, und er sah alle Schönheit und Weichheit des Tages und des jungen Weibes nicht mehr. Krieg war ja, Krieg! Und für ein weichliches Glück war keine Zeit. Die eiserne Tat rief ihn gewaltig an, und sein Herz wurde wie von Stahl.
»Sie haben recht, Livia,« sagte er fest. »Ich bin zu ganz andern Dingen auf der Welt, als glücklich zu sein. Es gibt Singvögel, und es gibt Raubvögel. Den einen gehört die Liebe, den andern der Haß. Ich wäre doch nie Ihrer wert geworden, weil ich zu schlecht bin für Sie und doch auch wieder zu gut. Männer gibt es, die man am besten nur auf sich selber bestehen lassen darf, weil sie nicht gemacht sind, andere zu beglücken. Meine Arbeit ist anders als die der Erlösernaturen. Leben Sie wohl; Sie waren mir wie eine Gottheit, und ich werde Sie nie, nie vergessen! Vielleicht bekehre ich mich einst gänzlich zu Ihrer Religion, wenn sie mir einen Arm oder einen Fuß abgeschossen haben, oder wenn ich alt und krank bin; denn für alle Hilflosen und Schwachen liegt der wunderbarste Trost in dem, was Sie glauben! Vielleicht sitze auch ich einmal still im Sonnenschein und schaue seltsam verwandtschaftlich auf diese Wolken, die der Erlösung näher scheinen als ich. Aber jetzt mag und kann ich nicht.«
Kräftig ergriff er ihre Hand, schüttelte sie und ließ sie los.
Livia blieb stehen.
»Was wollen Sie tun?« fragte sie mit halber Stimme.
»Das ist jetzt Mannes Sache und muß auf sich allein bestehen,« erwiderte er. »Nochmals tausend Dank, du wunderbares, einsames Mädchen!«
Und er ging von ihr, ohne sich mehr umzusehen. Aber Livia schaute ihm tiefbewegt nach, wie er mit dem erobernden Schritte des Soldaten das Weite gewann, ins dichte Holz gelangte, mit kräftiger und biegsamer Windung des schlanken Körpers ins Dickicht eindrang und verschwand. Langsam, langsam ging sie heim, allein in diesem eindringlich wehen Herbste.