»Begleiten Sie mich ein Stück nach Hause,« bat sie einsilbig, und still und traurig ging Tikosch mit ihr.

»Den kriegt sie noch herum,« sagte der nasse Heinrich. »Er kommt nicht zu uns zurück.«

»Wetten, daß er ja kommt? Und daß wir die Brücke sprengen!« rief der scheckige Simon voll Temperament.

Der nasse Heinrich sah den plötzlich so lebhaft gewordenen Phlegmatiker erstaunt an. »Du hast ja auf einmal ein sonderbares Vertrauen in die Menschen, Philosoph,« sagte er.

»Mein Lieber,« dozierte der Schuster, »du bist jetzt außer Mode. Ich war zu lange mit einem bloß gescheiten Menschen zusammen, um nicht gelernt zu haben, daß es das Herz ist, welches die Wunder vollbringt.«

In einer tiefen, seltsamen Traurigkeit, wie sie nur zwei Menschen haben, die wissen, daß sie einander nie im Leben wiedersehen werden, und daß sie doch so viel aneinander verlieren wie nie mehr im Leben, gingen der stillgewordene junge Offizier und die ernste und stolze Rumänin nebeneinander durch den Hochwald, der vor dem Dickicht begann. Der Herbst war hoch in Flammen ausgebrochen, und die Sonne prahlte in allen Farben, als hätte sie alle Ritterschaften der Welt zu einem Turnier versammelt. Die blauen Fernen waren noch zarter und winkender und verschleierter und sehnsüchtiger als sonst, und eine so weiche und ertötend süße Wehmut durchdrang alles, daß die stärkste Seele wehrlos und weich bis ins Innerste von dieser Ergriffenheit des Weltvalets werden mußte.

Beinahe zum ersten Male ging Tikosch scheulos am hellen Tage durch serbisches Land, der bisher so verkrochen gelebt hatte! Glanz und Duft im Walde und das Winken der Ferne hatte er stets nur von seinem Versteck aus gesehen. Nun gehörte es ihm auf einmal ganz an, und er genoß die Luft, als sei sie von anderem Geschmack, weil er sie offen wandelnd trinken durfte. Nach Freiheit roch sie und war frisch wie kühler Eisenduft. Das machte der herbe Geruch der gerbstoffhaltigen Blätter, die um die beiden Abschiednehmenden goldwinkend umhertanzten wie Amoretten: Valete, valete! Die herrlich gefärbten machten den Himmel, dem sie vorüberflogen, noch einmal so blau wie sonst, mit ihrem grellen Gelb. Ihr Vergänglichkeitsduft, der nur einmal im Jahre durch die sonnigen Lüfte irrt, zu des Jahres schmerzlich schönster Zeit, griff ihm durch und durch!

»Es ist ein wunderbarer Tag, dieser allerletzte,« sagte Livia weich. »Wann wollen Sie die Flucht antreten?«

»Heute nacht,« sprach Tikosch wie im Traum, und es kam ihm vor, als sei das gar nicht möglich. Dieser Tag war wie mitten aus der Ewigkeit genommen, und Abschied lag genug und zuviel in seiner wehen Schönheit. Aber das Schneiden und Brennen in seinem Herzen ließ ihn sich nicht ganz verlieren.

»Von jetzt ab weiß ich völlig,« sagte er nach einer Weile, »was Sie den Gott der freien Natur nennen. Daß der in den Mann übersiedelt, der sich ihm zu ergeben weiß. Ich hab' ihn schon dort oben verstanden, wenn die Fernen so recht gerufen haben. Da war ich der Höchste und Einsamste in meiner tödlichen Aufgeschlossenheit. Aber noch besser habe ich den kapiert, den Sie Gott nennen, wenn's im Walde toll g'worden war. Da hab' ich begriffen, daß man sich als Bruder des Boreas fühlen kann, und das Kämpfen und Brüllen des Waldes war mir bekannter als jede menschliche Red'! Es war schön dort oben wie bei Gott selber, und daß man ihn in Ewigkeit anschauen und nichts anderes begehren kann, das versteh' ich jetzt. Nie mehr werde ich ganz von ihm loskommen, seit ich weiß, wo der Weg zu ihm geht. Und das dank' ich dir, du seltsames Mädel!«