Als die Verbündeten noch beim Frühstück saßen, raschelte das Gebüsch und Tikosch griff nach dem Browning. Aber der Warnlaut des Rotkehlchens, ein Zeichen, das die drei Kunden gut kannten, bestimmte den scheckigen Simon, ihm lachend die Hand auf den Arm zu legen.

Im nächsten Augenblick war Livia bei den Vogelfreien.

Tikosch fühlte, wie ihm das heiße Scharlachrot ins Gesicht strömte, weil er von dort oben so fügsam heruntergekommen war und sich mit der fraglichen Gesellschaft schon so gut stand. Aber Livia begrüßte ihn heiter und vertraulich und zog, nachdem sie den drei Geächteten einen Korb voll guter Dinge hingestellt hatte, erst den nassen Heinrich ins Gespräch. Es sei nahe bei Zajetschar, dicht unter den Forts, ein ländlicher Weinkeller gründlich ausgestohlen worden; ob er davon wisse? Und der kecke Gesell wurde unter dem Blicke ihrer ernsten klaren Augen sehr verlegen.

»Also doch,« sagte sie langsam. »Wissen Sie denn nicht, Heinrich, wie sehr Sie dies Trinken heruntersetzt? Aller Erde König glauben Sie zu sein mit Ihrer Freiheit und Ihrer Philosophie und lassen sich durch eine Flasche Branntwein zum schwätzenden, heulenden Spottbild eines Menschen herunterziehen! Was muß Tikosch von Ihnen denken? Ist denn nicht das tüchtige, praktische Mannesdasein, wie er es führt, höher und mehr als das Ihre, das er haltlos gefunden haben muß? Was ist das für ein starker Kopf, der sich von jeder Weinflasche umwerfen läßt? Sie entweihen Ihre eigene Religion, und wenn ich nicht wüßte, daß diese Lehre in einem würdigeren Herzen als dem Ihren groß sein könnte, so müßte ich an ihr verzweifeln. Ein trauriges Beispiel! Herr Leutnant, hat er's arg getrieben?«

Das verlegene Lachen des Tikosch sagte ihr mehr, als ihr lieb war. Sie sah, wie dieser viel simplere Reiteroffizier den großen Philosophen rasch verachten gelernt hatte.

»Tikosch,« sagte sie, »man muß den Menschen von seinen Erkenntnissen zu trennen verstehen wie das Gefäß vom Inhalt. Er hat viel erkannt, was außer ihm heute in der Welt keiner mehr zu empfinden versteht, und es ist von ihm manches zu lernen. Da er zu frei sein will, ist er zu sehr Sklave geworden; sehen Sie ihn nachdenklich an, aber verachten Sie ihn darum nicht. Ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen. Aus diesem Lande kommen Sie, namentlich seit man wegen des Mundraubs dieser drei aufmerksam geworden ist, nicht leicht heraus. Zwar Ihre Freunde hier müssen sehen, wie sie die nahe Grenze erreichen; sie sind weniger bedroht. Aber der österreichische Offizier würde nicht leichten Kaufes davonkommen. Ich kann Ihnen nun im Namen meiner Mutter Versteck und Quartier bei uns anbieten. Schlimmstenfalls müssen Sie Kriegsgefangener auf Ehrenwort werden, wenn man Ihren wahren Charakter entdeckt. Ich aber kann Ihnen versichern, daß man Sie dann bei uns lassen wird. Bis ein solcher Unglücksfall eintritt, gelten Sie für einen Wirtschaftsbeamten, den wir uns aus der Schweiz zur Verbesserung unseres Gutes verschrieben haben. Gilt's?«

Und zum ersten Male sah ihn Livia so weiblich und persönlich, ja beinahe vertraulich an, daß ihm siedigheiß wurde. Er schwieg; das Herz kämpfte ihm, aber die Entscheidung war nicht sein.

»Eher unglücklich, eher Lieb' und Leben verlieren, als so in kommoder Sicherheit, derweil meine Kameraden bluten,« sagte er ruhig. »Livia, wie können Sie einem Offizier das zumuten!«

Da schwieg das Mädchen und sah traurig zu Boden. Auch sie hätte ihn im Innersten nicht recht achten können, wenn er bei ihr geblieben wäre. Aber nun, da sie wußte, daß sie ihn verlor, kam die ganze unterdrückte Torheit dieses Mädchenkopfes mit Macht über sie, und als sie sich wegwandte, stürzten ihr Tränen heraus.

Tränen des Zornes, verschmäht zu sein, Tränen der Reue, diesen Mann geschulmeistert zu haben, statt ihn mit all der Wärme und der berückenden Liebe an sich zu binden, die sie erst jetzt im Augenblicke des Abschieds voll süßer Torheit in sich brennen fühlte.