Tikosch kleidete sich an. Beide schnapperten vor Kälte, lachten aber.
»Und nun Laufschritt,« kommandierte Tikosch, als sie aus dem Bereich der Wache gekommen waren. Und fröhlich liefen sie bergauf, erreichten die Straße, die in dritthalb Stunden nach Rgotina führte, und waren bald wieder warm und aufrecht.
In der Dickung empfing sie der Schlampenschneider in seiner phlegmatischen Art, aber doch mit Vorwürfen. »Da laßt ös ein alleinig mit der b'soffenen Metten in der Nacht!« brummte er. Aber Simon warf einen raschen Blick auf den nassen Heinrich, der in steinfestem Schlafe lag, und erzählte dann klipp und klar den ganzen Plan des Leutnants. Ob der Tiroler mittun wollte?
»Wär net schlecht,« schmunzelte der; »unsereiner hat doch nie net das Vaterland im Stich lassen.«
So hatte Tikosch zwei Mann für seinen Kaiser angeworben, und es galt nur noch, den nassen Heinrich zur Tat zu überreden.
»Er wird mithalten,« sagte der scheckige Simon. »Aber nach Österreich geht der nicht mit uns. Ihr werdet sehen, in Rumänien sagt er uns Adjes und wendet sich ins Griechische hinunter. Er kann kein Schnee vertragen, der länger liegen bleibt als bis zur nächsten Sonne; das ist einmal seine Eigenheit, und er nennt's Religion.«
Zufrieden und neubelebt, daß es mal was Ordentliches zu tun gab in ihrem zwecklosen Dasein, legten sich alle dreie nieder. Der scheckige Simon tat noch ein paar Scheite ins Feuer, liebe Wärme zog sich an ihren müden Gliedern entlang; dann schliefen sie, tief und getrost.
Am anderen Morgen erwachte Tikosch schon frühe. Der Gedanke an das nahe Ziel und seine baldige Rückkehr zu den Fahnen seines Kaisers ließ ihm keine Ruhe. Auch mußte er Wild für die drei Gefährten beschaffen. Denn seit der nasse Heinrich einen der kleinen Feldkeller der Weinbauern, wie sie dort zahlreich in die Abhänge gegraben und ohne richtige Aufsicht sind, allzu freigebig geplündert hatte, war man in der hier dichter bevölkerten Gegend doch etwas aufmerksamer geworden und fahndete nach rumänischen Zigeunern, die man als Täter vermutete. Es hieß sich also am Tage still im Dickicht verhalten; von Stehlen oder gar von Fechten war natürlich keine Rede, und selbst der Weg zur immer freigebigen Livia stand nur in solchen Nächten offen, wo wegen Sturm und Regen kein Hund sich ins Freie wagte.
Vor Tagesanbruch mußten sie also versorgt sein, und Tikosch hatte das Glück, zum ersten Male in diesem an größerem Wild armen Lande einen kapitalen Rehbock zu strecken, den die reichliche Herbstäsung, um nicht zu sagen die Mast der Edelkastanien, in seinen Bereich herübergezogen haben mochte. Schwerbeladen kam er zu seinen Genossen, die ihn mit Jubel empfingen. Dem nassen Heinrich sah man von seinem tiefen Trunk wenig an. Er vertrug dergleichen ohne Nachwirkungen, und Tikosch benützte das erhöhte Behagen, das den verlaufenen Schulmeister bei einer gerösteten Rehleber überkam, um ihm seinen Plan mitzuteilen. Er zögerte auch nicht, den Gesellen ausgiebigen Lohn in Gold zu verheißen, und war entschlossen, die ganze große Summe, die er bei sich trug, beim Übertritt auf österreichische Erde hinzugeben.
Heinrich neigte den Kopf hin und her. »Das wäre ein Fall, wo man des Erfolges ziemlich sicher sein kann,« sagte er. »Wenn schon der Aviatiker in Dingen seelischer Erkenntnis nie ein überragender Kopf sein wird, so habe ich das Gefühl, daß er eine schneidige Führernatur ist, und überdies: Wenn jemand etwas will, so setzt er's durch. Die an der Brücke wollen nichts als ihre Ruhe, und das ist zu wenig. Die friedlichen Kerle werden im Grunde genommen froh sein, wenn die Brücke kaputt ist und sie infolge Verstärkung der Wache weniger dabei zu tun haben werden, wenn man sie wieder aufbaut. Ich werde euch also in allem beistimmen und helfen, wenn ihr mich dafür sicher in rumänisches Land bringt. Von dort hoffe ich infolge der Empfehlungen der schönen Livia schon weiterzukommen. Aber als Soldat in Eid nehmen? Für eine der Parteien, die jetzt um die Weltherrschaft zu raufen meinen, in die sich ja doch der Amerikaner und der Asiate teilen werden? Ne! Das ist mir zu töricht.« Und dabei blieb er; man mußte zufrieden mit dem sein, was er versprochen hatte.