Doktor Johann Faustus (der in Wittenberg sich, dem Kurfürsten zuliebe Johann Georg genennet) hatte jetzt die wilde Freude, daß er zu genießen anfangen durfte in einem Alter, da sich die Weiber andern Männern gegenüber zu versagen beginnen. Als die Zahl Vierzig sich, mit den ersten grauen Fäden, um seine Schläfen schrieb, da erst begannen die Frauen unter dem wilden und ausgefasteten Blick seiner Augen zu erröten oder angstgeschüttelt zu erbleichen, und wußten, sie wären verloren sobald er forderte.

Auch nannte seit diesen Tagen niemand mehr seinen etwas hohen Rücken und seine gehobenen Schultern einen Höcker, wie ehedem die boshaft übertreibenden Salzknappen in Schwäbischhall. Es schien allen Menschen, als könnte ein Mann bei solcher Last des Erkennens, bei solcher Schwere des Gewissens und bei der ungeheuren Schwermut, am Ziele alles Menschendenkens zu sein, gar nicht anders aussehen, als etwas gebeugt und beschwerlich. Das Volk sah nur mehr seine grauen Augen und die waren wie ein Element. So erstaunlich: Sie konnten wie der Himmel leuchten, sie konnten wie das Meer wechseln, schillern, erlöschen oder drohen. Sie waren oft so demütigend ironisch, daß es dem Angeschauten durch Mark und Bein ging. Sie waren oft so todtraurig, daß den Frauen die Tränen kamen. Und niemand wagte sich mehr in seine majestätisch gewordene Nähe, außer er redete ihn selber an.

Jetzt prahlte er nicht mehr. Es lag ihm, den früher die Nichtbeachtung beinahe zerrissen hatte, nichts mehr an der Menschen Meinung. Das war vorüber. Seltsam, daß ihn jemals das luftige Gebilde, welches in eines vergänglichen Wesens Kopf über ihn entstand, mehr aufwühlen konnte, als das, was in irgend einem Kohltopf als Sud brodelt! War nicht sogar der Kohltopf wichtiger, dauernder, notwendiger, als beinahe jedes Menschen Gehirn mit der ewig bestochenen, ewig veränderlichen, ewig betrogenen Meinung darin?

Und je gleichgültiger Johannes Faust über der Menschen Achtung geworden war, desto eifriger richteten sie, dichteten sie, verwunderten sie sich. Über ihn, von ihm, von dem das ganze Reich fabelte.

Längst galt er in Wittenberg als der lebendige Antichrist. Als Gegenbild des frommen, gottestapfern Luther. Luther: fleißig, einfältig und gewährend wie Gott, Faust lässig, gescheit und absagend wie Satan. Das waren die beiden seelischen Enden Deutschlands.

Aber des war Johannes Faustus nicht zufrieden. Hätte er stehen bleiben können auf dem Jetzt seiner fünfzig Jahre, er hätte dem Teufel unbedenklich die selben Vasallendienste verbrieft, die er ihm, ungefordert, ohnedies tat! Aber er glaubte an keinen Teufel, und die einzige Macht, die er fürchtete und inbrünstig haßte, das war die Zeit. Noch brannten seine Sinne, und je weiter er auf Erden umhergekommen war, desto mehr erkannte er, daß er immer ergriffener zu wissen begönne, was Schönheit sei.

Er suchte keine Weisheit mehr. Nur Schönheit begehrte er noch.

Er war durch Italien gekommen und hatte die antiken Bildsäulen gesehen und Giorgiones und Tizians entblößte, goldklare Frauen. Jetzt erst war er dahin gekommen, mit allen fünf Sinnen zugleich Liebe zu ergründen! Und jetzt rannte die Zeit vor ihm davon, wie sonst die kleinen Kinder.

„Weh, wohin sind schwunden alle meine Jahr!“

„Und was hab’ ich aus diesen Jahren gemacht? Zu allem Heil Gottes: was hab’ ich aus ihnen gemacht!“