Da ließ Faust die Rolle sinken und ließ auch das Haupt noch mehr zwischen die armselig hohen Schultern sinken, als eh.
„O weh, wohin sind schwunden alle meine Jahr!“
Wo war dies Leben hin und was war es gewesen! Viel Betrug und lautes Prahlen, Zechgelage, wüste Nächte mit allsatten Weibern, welche die Neugierde gereizt hatte, wie der Zauberer schmecken mochte. Oder rücksichtslose Besitznahme von kleinen Mädchen, welche seine Kunst und die Macht seiner Augen gelähmt hatte und die nun, zu früh erschauernd und ohne Liebe, duldeten, was sie sonst, später, aber inniglich, dem Einzigen ihres Lebens hingegeben hätten. Immer hatte er von der Furcht der Menschen gelebt oder von ihrer Dummheit und hatte töricht, toll und prasserisch gegen seine eigenen Kräfte gelebt! Jene wunderbare Kraft, die insonderheitlich aus den Augen strahlt, jene Kraft „von der jegliche Gattung alle Frische ihres Wesens erhält,“ er hatte sie ausgestreut und um sich geworfen wie Häckerling, jahraus, jahrein. Und nun brannte sie nicht mehr in so durchnervender Glut aus seinen erlöschenden Augen wie ehedem. Er hatte sich ihrer bedient, wie eine böse Schlange; also bestialisch.
Gaukeleien, Schabernacke, kleine Betrügereien, ob deren er von Land zu Land ausgewiesen wurde. Überall zwar groß Gered, aber auch das übelste Zeugnis hinter sich, Furcht, Haß und Abscheu aller Menschen. Dazu die gelähmt gaffende und zitternde Neugier der kindlich Gebliebenen, denen er gewaltiges Aufsehen erregte. Das war sein Anteil auf Erden und darüber war er nun alt geworden.
Gelten wollen! Das war das verzehrende Feuer seiner Kinderjahre gewesen, wenn Andere, Starke, ihn wie ein Bündel in die Ecke geschmissen! Gelten, erstrahlen wollen, trotz seinem Höcker! Wie dieser Wunsch zehrte und brannte: So sehr, daß er sich selber immer wieder großmäulig zu rühmen begann, wenns andere nicht tun wollten!
Später, als die glühende Sinnlichkeit der Jünglingsjahre zu seiner verzehrenden Großmannssucht noch hinzu kam, war es noch viel ärger geworden. Jeder schöne Kerl nahm ihm ja lachend das Mädchen fort, das er, mit brennenden Augen und fressenden Träumen, monatelang erbetet und erlechzt hatte. Was für Madonnengesichtlein wußte er sündig und doch schienen sie allen andern rein, wie ein heller Tag! Er aber war hinterher geschlichen und hatte horchen und zusehen dürfen. — Zudem hatte sich sein Mißtrauen mit seinem Spürsinn geschärft und bald glaubte er überhaupt keine Reinheit mehr, — auch wo sie war. Haß und Verachtung dem Weibe, glühender Neid dem Manne, das war der Inhalt seiner Jünglingsjahre. Nur wenn er anführen, verleiten, in Abgrund reißen konnte, dann quoll ihm hoch das verwilderte Herz! Je lästerlicher seine Zunge wurde, je schärfer sein Witz, je unfehlbarer sein rachsüchtiges Wort, desto mehr Gefolgschaft fand er unter denen, welchen dies Leben, wie ihm, zu karg zugemessen erschien. Ja, solche Bestien hatten oft mehr Freude an seiner Bosheit, als er und wenn ihm ob einem grauenhaft ersonnenen Schabernack selber das Blut in den Adern zu Eis werden wollte oder seine Haare sich wegen der eigenen Bosheit sträubten, sie johlten und juchten wie freigelassene Sklaven dazu. Unbändig war ihr Vergnügen.
Daß ihm manchmal so das Herz zuckte vor Mitleid, vor Reue oder vor Scham, das waren noch seine besten Stunden gewesen.
Dann endlich kam der große Ruf über ihn. Wilde Studenten, die, wie er, bald von Wittenberg nach dem katholischen Ingelstadt renegierten, dort ebenfalls hinausgeworfen worden waren und nun nach Heidelberg oder Straßburg oder Innsbruck, nach Wien, Krakau, Graz und Prag ausschwärmten, berühmten sich überall seiner Zechgenossenschaft. „Und sie hatten Tod und Teufel nicht gefürchtet.“ Und in Prag hatte der Leibhaftige einmal unter Faustens Präsidium ein Fiduzit auf Alexander Borgias Tod getrunken, seines Freunds, des Papstes! „Gottverdammich, wenns nicht wahr sei!“
So, ja so war sein Ruhm angegangen in deutschen Landen, und was bisher sein Elend gewesen und seine glühende Kohle im Herzen, daß er nicht groß und wohlgestaltet war, eben das wurde nun seine Tugend: Faustus konnte nicht anders mehr aussehen; durfte nicht! Das Volk kannte ihn so, fürchtete sich vor dieser Gestalt und liebte insgeheim das berühmte „bucklig Männlein“, das sich dem „andern Fürsten dieses Weltalls“ verschrieben hatte!