„Fehde gegen Gott, Herr Kollega?“
„Fehde gegen Gott,“ sagte Faust leise, aber nachdrücklich. Und als sich Paracelsus verfärbte und ein Kreuz schlug, schloß er mit den Worten: „Wenn sich der schönste der Engel ehedem gegen seinen Schöpfer aufstemmte, wie dürft’ es nicht ein innerlich zerrissener und äußerlich buckliger Mensch?“
„Armer, armer Fauste,“ sagte Paracelsus mit tiefem Ernst. „Ich hab’ Euch für meinen Nebenbuhler gehalten im Wissen und Erforschen, auch für einen unehrlichen, der nichts ernst nimmt und dem alles bloß geschenkt wäre ohne ehrenhafte, heiße Arbeit. Jetzt müßt ich froh sein, wenn ich Euch für einen armen Narren halten dürft’.“
„Ein Narre vielleicht, Herr Doktor. Arm sicherlich, Herr Doktor. Und dennoch tauschet ich mein wildes Herz nicht mit dem Weisesten und Zufriedensten. Und nun gehabt Euch wohl, mein guter Herr.“
Wer die tiefe Frömmigkeit der Zeiten Eckharts und Taulers bedenkt und, hernach wieder, die hauptsächlich von der Gesellschaft Jesu entzündete heiße Religionsglut späterer Zeiten, der glaubt nicht, wie lästerlich frech und frei um die Humanistenzeit herum die Menschen zu jenem Himmel sahen, den ihnen Luther mit seiner ehrlichen Kindergläubigkeit noch nicht gerettet hatte. Etwa: Der Maler der süßesten Madonnen und Heiligen, Perugino, spottete über Glaube und Ewigkeit, während er seine Kirchenbilder malte und sagte (wenn er um ein holdselig frommes Antlitz einen Heiligenschein zog): „Ja, meine Freunde, mit diesem Leben ist alles zu Ende. Es ist ein dummer Zufall, daß diese und keine andern Tiere entstanden sind, und es ist ein schmerzlicher Zufall, der mir durchaus nicht gefällt und sehr unvernünftig ist, daß wir Menschen darauf gekommen sind, es gäbe Gesetze, es gäbe Vernunft und es gäbe einen unausweichlichen Tod. Das Tier hat eine dumpfe Angst; dennoch aber lebt es, während es dahingrast, immer mitten in der Ewigkeit. Nur wir Menschen grübeln, klagen an und möchten unsere Gescheitheit einem Gotte geben, der von ihr nicht das mindeste an sich hat.“
Solcher Reden hörte das beginnende Cinquecento gar viele. Die Künste blühten, die Farben prahlten, das Leben schien eine Freude, die Erkenntnisse wurden immer weiter, schauender, — und die Herzen verzweifelten.
Nur, weil Luther glaubte, glaubten auch die Südländer wieder, besserten die Form, und echte, tiefe Gottesinbrunst wohnte vorher vielleicht nur in den lawinennahen Bauernhütten des Hochgebirges; in den Häusern der Gelehrten und Künstler war sie selten. Da wohnte großes Sehnen nach dem alten Heidentum; so groß, daß sogar die immer gottesbedürftigen Frauen öfter vom Phöbos Apollon träumten, als von den Verzückungen des heiligen Franz.
Helena Chrysoloras!