Ihr Ahnherr war der erste Grieche, der in lateinischem Gebiete seine göttliche Muttersprache lehrte und der einen ganzen Duftstrom der Veilchen und des Honigs von Eleusis mit nach Italien brachte. Helena. — Äußerlich von jener abergläubischen Frömmigkeit, welche niemals die Formen der Religion zu durchbrechen wagt und mit einem heidnischen Herzen in christlichen Kirchen tiefgebeugt das Weihwasser nimmt, hatte sie in ihrem Innern den glühenden Lebensdurst der Alten aus den dionysisch frohen Zeiten, ehe noch die Stoa geboren war. Genau so war auch ihr Ahnherr geartet gewesen. Als er dann während des Konziles in Konstanz dahinstarb, verblieb sein Blut im deutschen Norden. Die Chrysoloras waren zuerst Doktoren, dann Apotheker, kamen von da zum Handel mit Gewürzen und Drogen, dann zur Seefahrt und damit zum Reichtum, und der letzte Chrysoloras war bereits so geldmächtig, daß Karl der Fünfte und Ferdinand, der römische König, manchmal bei ihm das erborgen mußten, was die Fugger und die Welser nicht geben wollten oder konnten. Niemals aber hatten sie vergessen, daß ihr Ahnherr der erste Grieche Westeuropas gewesen war, und es gab keinen Humanisten, der nicht, auf der Reise vom Norden nach Italien oder zurück, der verehrten Dynastie, welcher man Homer wiederzuverdanken hatte, seine Reverenz machte. Die saß in Innsbruck wie ein Fürstengeschlecht. Helena wußte um ihr griechisches Blut und las — soviel ihr Mädchenwissen erlaubte — mit heißem Begehren die alten Sagen und Gedichte. Sie ging zur Messe, ja. Aber sie gedachte mit brennendem Herzen der alten Götter, der alten Heiterkeit, der alten Schönheit.

Vielleicht eben darum war es, daß ihr bislang keiner der neuen, jungen Herrn gefallen hatte. Sie liebte, im Geheimsten, zu weit und zu hoch hinaus, als daß ihr ein Ritter, und war es Herr von Hutten oder Sickingen selber gewesen, die antike Pracht verblassen machen gekonnt hätte. Allen Bewerbungen zum Trotz war sie, zwar sehnlich aber unberührt, voll jener achtungsvollen Neugier geblieben, die das Herz bereitmacht.

Jetzt mußte ihr der Vetter aus Tirol alle Tage vom seltsamen, vom schmerzzerissenen, kleinen, ergrauenden Manne erzählen, von dem so beklemmende Nachricht ging.

Wenn sie ihn von ferne sah, dann fröstelte ihr vor Angst; aber sie dachte Tag und Nacht an ihn und wünschte sich, so recht vom Herzen fromm und gottesgläubig sein zu können, um den herzbrechend Unerlösten zu erlösen; und war es mit ihrem Blute.

Es war doch der Eine und Einzigste unter allen Menschen; er kam und ging wie ein lebendiger banger Traum durch ihr Sinnen.

Der Faust.

Johannes Faustus, der sich dem Widersacher Gottes verschrieben hatte, der die Geister der alten, griechischen Geschichte wieder zu dämmerndem Minutenleben rückgerufen hatte und der die Wundmale dorten trug, wo Satan sie trägt: im Herzen.

Das ließ ihr keine Ruhe und sie sagte eines Tages, nach vielen schweren Seufzern, weil sie sich lange Zeit nicht überwinden konnte, ein Bekenntnis an den jungen Vetter zu opfern:

„Ich weiß nicht, was ich gäb, wenn ich den Doktor Faustus nahe sehen und ihm ein paar Fragen stellen könnte. Es drückt mich so viel, und er allein kann mir Antwort geben.“