Das aber hatte Helena Chrysoloras gehört und zupfte ihren Vettern. Der rief sogleich: „Doktor, Doktor Fauste! Wenn Ihr mich schon gar nicht mehr erkennen wollt, so ist doch mein Bäslein wert, daß Ihr eine artige Minute an uns beide wendet.“ Da blieb Faust stehen und alle merkten, daß der beschriene Mann zaghaft wurde. Der, über den alle sich erschreckten, gab nun selber in seinen Augen nichts anderes zu lesen, als Schreck und Staunen.
Es ging aber Helena Chrysoloras ganz bescheiden zu ihm, so, als merkte sie seine Verwirrung nicht und faßte ihn bittend an der Hand und sagte: „Doktor, ich habe eine Frage des Gewissens an Euch: Es ist eine Zeit, da zerspaltet sich jetzt die arme christliche Religion und wir erleben Wiedertäufer und Protestanten und viele andere Sektierer, während die ganze übrige große Erde noch so viel andere Wege zu Gott hat. Wer hat recht? Die Juden, welche unermüdlich in ihrem harten Gotte verharren? Oder die Christen? Oder gar die Heiden, von denen ich als Griechin reichliche Kundschaft weiß?“
Da verneigte sich Faust bescheidentlich vor dem schönen Mädchen und sagte ihr leise, so daß es nur hören konnten, die ganz zunächst standen:
„Mein Fräulein. Die christliche Religion hat nur Worte. Merket wohl, sie nennt sich ‚das Wort‘; aber es sind viele Worte. Nichts anderes. Die jüdische wäre ein Edelstein: schön, durchsichtig, unzerstörbar hart. Hatte also auch einmal Leben im Status der Kristallwerdung, ist aber seither erstarret für ewiglich. Die heidnische Religion aber lebt, denn sie besteht aus Kräutern. ‚Sucht sie euch aus,‘ sagte Gott, als er sie schuf. Es sind giftige Kräuter darunter, und ganz nutzlose, und Arzneien, und wieder solche, die bestehen aus lauter Schönheit. Mag man auch von ihnen eines oder Tausende vernichten; sie sind immer wieder da, leben ewig, und eher rottet ihr den Menschen aus, als daß sie sich nicht wieder auch auf einer gänzlich verbrannten Erden neu ansiedelten! Bald hold, bald lästig, immer so unschuldig aber, — mit Gott und dem Teufel in sich, — wie Kinder. Versteht Ihr mich, Fräulein?“
Sie sagte: „Ja, Doktor, ich verstehe Euch,“ neigte den Kopf und ließ ihn vorüber, fast wie einen König.
Er aber ging schnellen Schrittes von der Festwiese hinweg und verbat sich von Jeglichem, daß er ihm folgte. Auch den Stainer wies er hinweg, aber mit viel milderer Stimme und freundlicheren Augen, als alle andern.
Wie sie nun wieder allein waren, sagte Helena Chrysoloras zu ihrem Vetter: „Warum geht diesem Manne nicht nach, was Seele hat auf Erden? Da er doch so weit und tief blicken muß? Und warum hat er nichts als Zechgesellen, so daß man ihm nachsagt: ‚An seinen Früchten mögt ihr ihn erkennen.‘ Ich habe argen Verdacht, daß nicht er an seinem Umgang schuld ist, sondern daß ihm jeder Umgang bisher zu geringe sein mußte und die Menschen schuldig daran sind, daß er an ihnen verzweifelt und nichts anderes weiß, als mit ihnen trinken!“
Da erwiderte ihr der junge Mensch: „Helena, wenn wir zwei ihn so recht herzlich umgeben könnten? Vielleicht, daß er uns alle seine Weisheit geben könnte, wir beide mit ihm aber zu Gott zurückfinden möchten?“