Sie sagte: „Du bist ein liebes Kind und es ist dir das jetzt von einem guten Engel eingegeben worden, was du gesagt hast.“


Von diesem Tage an redeten die beiden Geschwisterkinder nichts anderes, als nur mehr vom Doktor Faust. Den ganzen Tag saßen sie zusammen und fabelten von ihm, und gewannen und verwarfen viele Pläne: wie möchten sie ihm näherkommen?

Zuletzt faßte sich, als die Kunde ging, Faust müßte zum Kaiser und zum Könige nach Passau hinweg, der Student ein Herz und lief zum andernmale hin zum Doktor der schwarzen Magie. Der wohnte damals, als Gast des Bischofs nach seinem eigenen Wunsch droben in der Festung und hatte, gegen die bayrische Ebene zu, ein Stüblein hoch in den Mauern. Da sah er alle Abend die vergehende Sonne an und ihm war das recht. Wenn sie unterging, dann blickte er von seinen chaldäischen Studien auf, die er seit einiger Zeit, mehr aus Sehnsucht nach den Erinnerungen an junge Tage, denn aus Hoffnung, noch irgendein neues Ding darin entdecken zu dürfen, weitertrieb.

Um Sonnenuntergang kam immer ein kleiner Vogel an sein Fenstergitter, setzte sich an den Nagelfluhbord des Turmes und zwitscherte. Dann sah ihn Faust an und sagte: „Um solcher Kreatur willen könnt ich meine Hand abziehen von der Vernichtung. Aber auch für euch kleine Ding wär’ es besser, ihr schlieft ein, als daß ihr euer Herzlein unter den Griffen des Sperbers zum letztenmal klopfen fühlt. Und wie klopfen fühlet!“

Um eine solche ergriffene Stunde, da Faust gerade Feierabend machte und ins Unbestimmte verwoben war, klopfte Sympert Stainer zum andernmale an die Türe Doktor Faustens und der rief: „Immer zu!“

Diesmal war der junge Student schon mutiger als damals, da es aussah, daß, wenn man ihn gestochen hätte, er keinen Tropfen Blutes herzugeben vermöchte. Aber das Herz schlug ihm dennoch so verklemmt und zerpreßt, daß er nicht wußte, wie es verbergen. Er fürchtete auch, der Magus würde ihn abermals auf solche Weise ansehen, daß er, obwohl lebendig, dennoch dabei wie tot wäre. Oft hatte er daran gedacht und sich über seine Bewußtlosigkeit sehr gewundert. Diesmal aber gab ihm der Doktor ein gutes Wort und hieß ihn zu sich sitzen. Er brachte auch gleich die Rede auf jenen wunderlichen Traumzustand, in welchen er den jungen Menschen das letztemal versetzt. Er sagte ihm einiges, ganz weniges, von dem, was er ihm damals zu vergessen geboten, so daß der Bertel Stainer hellauf staunte. Denn nun kam ihm das alles selber, dunkel erinnerlich, wieder.

„Du siehst, mein Jung’,“ sprach Doktor Faust, „was es also mit der menschlichen Seelen für eine Bewandtnis haben mag! Die Seelen ist von Gott, ist sein Mitding, gehört zu ihm und in ihn hinein. Wird sie aber allein und ohne den Körper gelassen, so verlieret sie sogleich all’ das, was wir Menschen Witz und Vernunft nennen. Woraus du dir zur Lehr’ magst dienen lassen, daß Gott weder witzig noch vernünftig ist, sondern es ergeht ihm wie einem Schwindligen, der im Schlafe wandelt. Wo der Wache sich zerstürzen würde, dort gehet er sicherer seinen Weg, als ein Dachkater. Die hochgepriesene Vernunft, die ist was Zugeflogenes und er, aller Dinge Lebensentzücker, kennt von solchem Firlefanz gar nichts. Aber er macht die Sterne kreisen, daß auch nicht einer dem andern in Weg kommt. Soviel von Gott, mein Jung’. Und wenn ich ihm abgeschworen hab’, so ist es darum, weil er die Vernunft hat aufkommen lassen. Will sagen, das verlogenste aller Tiere, den Menschen. Er selber ist der Vernunft ganz unmächtig: Zurück zu Gott kann nur, wer sie ihm hinschmeißt und sagt: ‚Abba, Vater, hab mich gern und ich dank dirs einen Dreck.‘“

Der junge Sympert wollte sich bei dieser Lästerung bekreuzigen, aber Faust sah ihn so voll entsetzlicher Ironie an, daß ers unterließ.