„Nun werd’ ich dich wegschicken müssen,“ sagte Faust und stand auf.
Der junge Mensch erschrak darüber so, daß er sich zu Fausti Füßen warf, seine Knie umschlang und bat: „Nie mehr laßt mich weg, sondern seid und bleibt mein Meister und nehmt mich als Euren Famulum an, da doch der Wagner Christoph ferne zu Wittenberg Eure Arbeiten schlecht tut! Ich will Euch in allem dienstreich sein und Gott abschwören, wenn Ihr das nur für gut haltet. So wie Ihr jetzt von ihm geredet, will’s mir scheinen, als dientet Ihr ihm besser und innerlicher als jeder Pfaffe. Mag’s also mit Euch gehen, wohin es wolle, ich fahre mit!“
„Stah auf, mei’ Jung’,“ sagte Faust, und er sagte dieses Wort so weich, daß er in die Mundart seiner Jugend zurückverfiel und schwäbelte, was man sonst an dem eleganten Lateiner niemals herausmerkte. „Stah auf, mei’ Jung’ und überleg dir’s halt no emal, aber gut; geh auch zur Beicht und erprob dich vor den Vorwürfen des Priesters. Und ob du das Sakrament gerne nimmst. Ich sag’ dir nichts als das: Wär der Herr Erzeuger der Menschen im Recht, so tät der Mensch sich seiner Unkeuschheit nit schäme, wie denn auch das Tier sich nit schämt. Aber das heiße Wunder, dadurch der Mensch entstehet, verdammen? Lächerlich und sündhaft machen? Wie es die religio tut? Das heißt, dem Erzeuger dasselbe zurücksagen wie ich: ‚Das war nit gut von dir, Vater! Und vielleicht hast du den siebenten Tag dazu benützet, um dich auch so tief zu schäme.‘
„Du siehst also, ich bin von der christlichen Askes’ bloß dadurch unterschieden, daß ich klar sage, was sie sich nicht zu sagen getraut. Und wenn du mir folgen willst, so mußt du den Prahlaffen, — den deutsch oder spanisch angekleideten, ebenso wie den mit Nasenring und Federputz herausgeschmückten Prahlaffen hassen und an nichts anderes denken, als wie du diese mißratene Sipp’ ausrotten könntest! Alle Seelen, mitsamt deiner eigenen, mußt du dem großen Pfuscher mit einem einzigen Todesseufzer zurückgeben, damit er was Gescheiteres damit anfang’. Denn er kann ja doch nicht davon lassen, seine Tänz’ irgendwie von neuem zu beginnen!“
„Wie könnte das sein?“ sagte Stainer in namenloser Verwunderung. „Alle Menschheit vernichten?“
„Des getrau’ ich mich wohl noch,“ sagte Faust. „Für dich bleibt heute nur das zu vermerken, daß du weißt, worum es mir, Johannes Fausten, geht! Denkst du immer noch zu mir zu halten, da du weißt, es geht unweigerlich in den Tod? Denn wir müssen mitfahren, wenn alle dahinfahren!“
Dem jungen Studenten lief ein kaltes Grauen über den ganzen Rücken hinab. „Daran müßt ich mich gewöhnen. Ich hab’ dem Tod noch nicht in die Augenhöhlen geschaut ... Daran müßt ich mich erst gewöhnen ... Aber magna voluisse magnum. Welch ein Mensch hat jemals Größeres unternommen, als dem Schöpfer das wegzunehmen, was man die Krone seiner Schöpfung benennt? Es ist mir noch zu ungeheuer. Lasset mir Zeit und ich will mich vielleicht dazu hinabwinden.“
„Nicht, weil’s ungeheuer und groß und schrecklich ist,“ sagte Faust, „das merke du wohl. Eitelkeit darf es nicht sein, die dich, wie den weiland Empedokles von Akragas, in den Ätna springen heißet! Bloß damit einer oder viele Millionen Flachköpf’ durcheinander reden: ‚Er war ein Gott.‘ Sondern du mußt dich mit einer ungeheuren Menschenverachtung durchtränken, die so groß ist, daß du an dir selber verzweifelst und dich mit allen, die da zechen, beten, fluchen, handeln, betrügen, komödiantisieren, ja sogar mit denen, die lieben und verzeihen, zusammen in ein Pulverfaß schmeißest, daran ich die Lunten legen werde!“
„Schrecklich, schrecklich,“ sagte der Student. „Und ich bin noch so jung.“
„Das ist auch dein Fehler,“ sagte der Doktor. „Es war auch der meinige, und nur mit dem fünfzigsten Lebensjahr bin ich dareingekommen, zu sagen, was ich bis dahin nur leichthin und dunkel empfand: ‚Der Mensch soll lieber garnit sein.‘“