Nun waren alle wieder in Salzburg außer dem Faust.
Helena Chrysoloras hatte den Doktor auf der ganzen Reise nicht gesehen, weil sie gesondert und von Sympert begleitet in einer Sänfte reiste. Aber sie hatte den ganzen Tag mit dem Vetter von ihm geträumt. Besonders, nachdem sie von der (beim Kaiser Karl, dem schweigsamen und zurückhaltenden Spanier ganz ungewöhnlichen) Ehrung erfahren hatte, welche dem Doktor zuteil geworden war: Daß Kaiser, König, Erzbischof und die beiden Gelehrten eine ganz geheime und sogar bängliche Besprechung miteinander gehabt hätten; denn alle fünfe waren aus dem Zimmer, im Gasthof zum schwarzen Lamm in Braunau, völlig blaß und mit allem Anschein einer tiefen Erregung herausgekommen, ohne daß es schien, als hätten sie sich überworfen. Sondern alle schienen eines einzigen Sinnes und Planes voll zu sein.
Niemand aber, auch nicht der vielmächtige Chrysoloras, konnte sagen oder erfahren, um was solche Rede gegangen sein mochte.
Das fuhr dem verwöhnten Griechentöchterlein nur noch mehr in Herz und Phantasie. Sie fühlte sich jetzt berechtigt, den bisher für unheimlich gehaltenen, übermächtigen Einfluß des Doktors auf ihr ganzes Sinnen eher reizvoll zu finden. Da doch die beiden mächtigsten Häupter der Christenheit ihm erlegen zu sein schienen!
Es kam noch ein überraschendes Ereignis hinzu. Faust hatte seine Rückreise verändert, da er, statt nach Salzburg, zuerst in das Berchtesgadener Land und von da durch den Paß Lueg nach Hallein gefahren war, wo er von den Bergknappen möglichst viele Vorteile in der Gesteinsbohrung, im Eintrieb von Stollen und Schächten, in der Sprengarbeit und anderen Praktiken mehr zu erfahren suchte. Er gewann dabei viel, so daß er sich mehrere Tage in den Bergwerken verzögerte und nicht wußte, daß inzwischen eine verwunderliche und schreckliche Kundschaft nach Salzburg gedrungen war, eine Nachricht, die ihn selber schon in Braunau antreffen gekonnt hätte.
Aus Wittenberg war Nachricht gekommen, daß der vermaledeite Doktor Johann Georg Faustus, nachdem er, obwohl landesverwiesen, mit Hilfe seiner Zauberei immer wieder böslich und zufleiß dahin, als in den gelobten und frommen Bannkreis Luthers, zurückgekehrt wäre, endlich dort im Dorfe Rimlich sein verdientes Schicksal gefunden, allen Anscheines nach vom Teufel geholt und dabei vom Bösen nächtlicherweile unter erschrecklichem Lärm von einer Wand an die andere geschmissen worden sei. Das zerspritzte Hirn wäre bis an die Zimmerdecke hinangeklebt; der völlig zerbrochene und schlotternde Körper aber zum Fenster hinausgeschleudert und auf einem Misthaufen liegend gefunden worden. „Womit eine ehrliche Christenheit, endlich, ein spätes aber um so abschreckenderes Zeugnis erhalten hätte, wohin arg zauberische Hinterlisten zum Beschlusse führen mögen,“ hieß es.
Dem Faust wurde die Nachricht ins Halleiner Bergwerk gebracht, wohin ein Schüler des Paracelsus gekommen war, der bei seinem Anblick fast zum Tode erstarrt wäre. Wie denn der Doktor lebe?! Da er doch, durch seine Schwarzkunst, kürzlich erst gegen Wittenberg entrückt und dort seinem Schicksal in die Fänge geraten wäre?
Faust schwieg lange Zeit und blieb unergründlich, worüber sich der Scholar nur noch mehr entsetzte; denn da der Doktor nicht widersprach, sondern bloß zu erschrecken und dann tief nachdenklich zu werden schien, so kam das dem Mediziner, der sehr abergläubisch war vor, als hätte der Faust zwei Leben. Und nun wäre erst einmal sein Doppelgänger von ihm gewichen und hätte den einen Tod erleiden müssen ....
Der Schreck und der nachfolgende tiefe und schweigende Ernst des Doktors kam aber daher, weil er nun für sicher wußte, daß sein Famulus Christoph Wagner bei einem Versuch in Stücke gerissen worden sei.