Wie er es denn für sich selber auch nicht anders versehen hätte.

Nun war sein letzter Mitarbeiter dahin. Freilich nicht sein Mitwisser. Denn dem Zechbruder und Weiberläufer Wagner konnte man so großschauerliche Ding’, wie Faust sie in der Seele barg, nicht enthüllen.

Jetzt also wußte niemand mehr um jene Satansgewalt, als die drei Fürsten, die es wegen seiner tödlichen und nur ihm bekannten Launen im statu nascendi, — niemals aus eigenem herzustellen vermocht hätten, — und der Paracelsus. Im Grunde also bloß mehr einer außer ihm.

Ob nicht dieser Eine schon zuviel war, nachdem er das seine getan und entdeckt, daß man das Höllenöl zähmen oder ihm zum mindesten die Reizmittel vorenthalten könnte, die es sich jederzeit zum Anlasse nahm, um aufzufliegen?

„Ich, ich werde nicht allein dahingehen, wie Wagner,“ murmelte damals Faust vor sich hin. „Stattlich Gefolge will ich bei meiner Himmelfahrt haben; — aber der Paracelsus wird mein Vorläufer sein müssen.“

In Salzburg gab es heftiges Hin und Wider bei der Wittenberger Nachricht. Die einen sagten, daß man für gewiß wisse, Faust wolle und könne nicht gegen Wittenberg gefahren sein. Die Gegenpartei erinnerte, daß es nur zu bekannt wäre, wie Faust einmal seine Freunde in Erfurt über Nacht besucht habe, da alle Welt ihn in Prag beim Kaiser wußte, und in derselbigen Nacht wäre er wieder gegen Prag zurückgefahren, ehe der Hahn sich zu regen begann. Darum hatte er sich damals Martini ausgesucht, wo die Nächte sehr lang werden. Nicht, um längere Fahrzeit, sondern um längere Zechzeit zu haben! Er sei gewißlich nach Wittenberg weggezückt worden; ob durch eigene Zauberei oder durch die Macht des Bösen, der ihn dort erwartete?

Dem widersetzte sich aber der zurückgekehrte Paracelsus mit vielem Hohn, schuf sich dadurch nur um so mehr Feinde, aber erreichte mit seinen kühl abschätzenden Worten wenigstens, daß weder der junge Sympert Stainer noch die Chrysoloras in Verzweiflung kamen, sondern eher zuversichtlich blieben.

Zum erst namenlosen Entsetzen der Salzburger ritt der Doktor, den man von Freilassing oder sonst woher aus dem Nordosten erwartet hätte, an der Salzach zum Tor am Stein, also auf dem entgegengesetzten Ende, gelassen, und nur um einiges ernster und schweigsamer, wieder in die Stadt ein, und es war bald ein solches Laufen, Starren und zuletzt Zurufen von Volk und begeisterten tollgewordenen Studenten um ihn, daß die Gegenpartei schon zu schreien begann, das Volk bereite ihm ja beinah einen Palmsonntag.

Es schien auch verwunderlich. Gerade die katholischen Studenten und ihr Anhang schienen am meisten über die gesunde Rückkehr des totgeschrienen Zauberers zu jubeln. Daran, daß sie alle Ursach’ hatten, über die ins Leere gegangenen moralischen Folgerungen der Wittenberger Lutheraner zu lachen, dachte niemand. Faust wußte, was er von all diesem Hosiannah zu halten hätte und verzog kaum eine Miene; wie er denn in letzter Zeit immer unergriffener dreinzuschauen sich angewöhnt hatte. Er war so ferne von der Welt, vom Leben und seinen Eitelkeiten abgekommen, daß es, bei dem ehedem so leidenschaftlichen Betonen seiner selber, kaum glaublich schien. Nur, wer ahnte, daß er seiner ungeheuerlichen Selbstbehauptung einen grausigen Schlußpunkt plante, nur wer wußte, daß er sich im Geheimen auf den herzzerreißenden Jammerruf: ‚O weh, wohin sind schwunden alle meine Jahr’,‘ eine überlebensgroße Antwort gesetzt hatte, der begriff die Starrgewordenheit dieser Züge. Die schien sonst auf Erden niemand zu haben als, außer Faust, — nur mehr der Kaiser. Derselbe erkenntnisreiche Kaiser, in dessen Reich die Sonne und die Niedertracht nicht unterging. Karl der Fünfte war vielleicht der Einzige, der alles so sehr überkostet hatte und ebenso weltmüde war, wie Faustus.