„Ich weiß nit,“ murmelte Paracelsus, „wie lang Euer Kontrakt mit dem Unterirdischen reicht.“
Faust tat, als hörte er nicht, reichte aber dem Arzte, beim Abschied, zum ersten Male nicht die Hand hin. Ein langer Blick aus den schwermütigen und argwöhnischen Augen des Paracelsus begleitete ihn, als er schied.
Stainer blieb zurück und hoffte begierig, daß der Adept nun eine oder die andere Äußerung über Faust und sein gräuliches Vorhaben machen sollte. Aber Paracelsus lachte kurz und ganz sonderbar verlegen, sandte den jungen Menschen auch gleich in auffälliger Hast von sich fort. Stainer wußte nicht, wie ihn die Füße zu seiner ruhigen Base trugen, bei der alle Herzensnot und Angst sich für ihn sonst immer zu lösen pflegten.
Faust aber ging in sein Quartier auf die Bischofsfeste hinauf, langsam und absichtlich zögernd, damit die Sonne untergehen und Stern auf Stern am verdunkelnden Firmament sich entzünden könnte.
Er beobachtete ihren Gang, er spähte, wie erst die großen, dann die mittleren Sterne sich sichtbar machten, dann stellte er mehrmals das Astrolabium prüfend ein, schrieb einige Zeichen nieder, schüttelte wieder den Kopf, wurde ungehalten, als ihm ein Diener das Abendmahl bringen wollte und wies es gänzlich zurück. Dann blieb er in die emportauchende Nacht hinein auf der obersten Plattform des Reckturmes und spähte dem Zug und der Drehung der Gestirne nach. Immer wieder blickte er nach Osten, wo neue Sternscharen emporkamen, nickte den untergehenden nach und besah die, sich heutigen Tages nahenden, mit Aufmerksamkeit. Als dann die Mitternacht von den vielen Kirchentürmen der Bischofsstadt, mit dem eigentümlich feuchten und verschwimmenden Ton der Salzburger Glocken, zu schlagen anhub, stellte er das Horoskop des Philipp von Hohenheim, genannt Aureolus Theophrastus Bombastus Paracelsus.
Dann versank er bis in den Morgen hinein in Berechnungen, schrak plötzlich zusammen und rief leise empor: „Dann muß es bald sein oder nie! Wenn er nur im Eintritt der Herbst- Tag- und Nachtgleiche angreifbar ist, so könnt’ ich ein Jahr verlieren!“ Hastig blätterte er noch in einem Kalender, den er selber angefertigt hatte und sagte dann mit bestimmtem und drohendem Tone: „Heute noch!“
Senkrecht über der Vorstadt Mülln am Felsen lag, vor die Bürgerwehr geklebt, auf einer kleinen Bastion das Wirtsgärtlein zum Lindwurm. Dort zechten heute, wegen der wunderbar föhnigen und lauen Septembernacht, die Doktoren und hatten alle schon rote Köpfe. Das war nicht gut, obwohl es ihnen Witz und Mut zu allerlei Hetz- und Neckreden machte. Denn der Doktor Faustus, der in Heidelberg, in Köln und Ingolstadt die ältesten Rauf- und Zechhelden unter der deutschen Studentenschaft bis zur Übergabe und Schandbarkeit niedergetrunken hatte, saß immer noch unbewegten Gesichtes unter den Herren, die immerfort ihre beiden Gäste durcheinander rühmten und feierten, und bei dem vielen Zutrinken selber mehr Geschmack am ausgezeichneten Weine bekommen hatten, als an der Hetze und an ihrer Rache. Nur ein paar stillere, blasse und kleine Beobachter mahnten immerzu, behutsam, zur Vorsicht und zur Tat.