Das war am Hoch- und Domstift Salzburg. Mitten aus der erregten Studentenmenge puffte sich ein wunderlicher Junge heraus, so sehr ihn die andern zu halten versuchten. „Laßt mich allein, sag’ ich!“
Als er ging, hörte er gar wohl, daß es hieß: „Armer Querschädel!“ Er zuckte die Schultern. „Bertel, Bertel Stainer?“ rief ihm noch einmal einer nach. Er hörte gar nicht mehr hin; es riß ihn zu mächtig in Einsamkeit und in freie Höhe, und er rannte den steilen Festungsweg zur Bischofsburg hinauf. Droben war er dem Untersberge, dem Tännengebirge gegenüber. Schneeeinsamkeit, gewaltige Verschwiegenheit, unnahbare Höhenweiten. Danach war ihm selber zumut. Er hätte auffliegen mögen, um bloß droben mit den Wolken allein zu sein. Nur nicht mehr unter Menschen!
Ungeheures war ihm nahe.
Doktor Johannes Faustus selber war nach Salzburg gekommen, um den Philippum Paracelsum aufzusuchen, wie es hieß. Und man hatte die beiden schon zusammen gesehen. Da turbulierte es unter dem jungen Blute. Die ganze Studentenschaft versammelte sich; sogar die wenigen frommen und gläubigen Kleriker, welche es damals noch in Salzburg gab, waren mit verschreckten Mienen herzugeeilt. Schon daß der Philipp von Hohenheim, der Aureolus Theophrastus Bombastus Paracelsus, wie er sich prahlend nannte, der gottlose Spötter, fürstbischöflichen Schutzes und reicher Belohnung genoß, machte den christgläubigen Seelen bange. Es war nicht geheuer damals in Salzburg. Der die fürstliche Tiara trug, der erste Kirchengewaltige nach dem Papste, er hatte nicht einmal die Priesterweihe genommen, weigerte sich ihrer auch beharrlich und man konnte ihn, weil er der Bruder des Bayernfürsten war, nicht gut maßregeln.
So sah es für die wenigen stillen Gläubigen damals aus, als begänne nun in Wahrheit das Reich des Antichrist im Schutze des Krummstabes des heiligen Rupprecht.
Paracelsus war verhaßt und gemieden; abergläubisch tuschelte das Volk dem bleichen Männlein mit den schwermütig mißtrauischen Augen nach. Aber er konnte gesund machen und er konnte Gold machen. So ließ man ihn beiläufig in Ruhe. Auch glaubte er noch halberwege an Gott, Doktor Johann Faustus aber bekannte sich offenkundig zur schwarzen Magie, die man dem Paracelso nur insgeheim zutraute. Sogar die ketzerischen Wittenberger Seelenhirten hatten Acht und Aberacht über ihn geschrien. Evangelischer und Katholik hatte ihm abgesagt und nur gottloses oder verbrecherisch neugieriges Gesindel mehr lief dem Unheimlichen nach, der sich dem Teufel lachend übergeben und verschrieben hatte und ihn seinen Schwager nannte.
„Denn des Teufels Schwester ist die sündige Schönheit.“
Sympert Stainer hatte noch das wirre Durcheinanderfragen in den Ohren: „Wie sieht er aus?“ „Was hat er an?“ „Kann er keinem Menschen in die Augen sehn, wie man sagt?“ — „Wehe dem, den er aber ansieht!“
„Wie sieht er aus?“ Stainer hörte noch, daß ein kleiner Kerl plötzlich gemacht hatte: „Pssst!“ Und Alle waren zusammengeschrocken, weil sie glaubten, der Schwarzrote stünde hinter ihnen. Aber der kleine Student sagte ihnen, man dürfe von Faustens Äußerm nicht laut reden: „Das nimmt er euch gewaltig übel. Und sorgt dann nur um eure Häls’!“