„Jegliches menschliche Wesen scheint diese Erden, wie ein Komet, in einer Parabel zu streifen, wie Ihr gelehrten Herrn Ärzte denn im langsamen Reifwerden und langsamen Altern eine auffällige Kurvengleichheit mit einer Parabel finden werdet. Die Parabel aber hat ihren Schluß unermeßlich weit draußen, gar nicht zu errechnen und wann sie wieder auf die Erden zurückschwingt, diese Kraft, welche Helenen oder Paracelsum oder sonst einen der Herren hier, ins hiesige Erdenlicht geschleudert hat, das ist sehr schwer auszurechnen. Manche Parabel ist breit, kurz und stumpf. So kommt zum Beispiel der Herr Doktor Würstl sehr bald wieder auf die Erden und wird abermals, eitel wie ein Sonnenstäublein, in ihrem vergänglichen Lichte kreiseln.“
Groß Gelächter schallte auf, einige aber riefen: „Weiter, weiter von der Helena!“
„Mit der Helena verhält es sich so, daß ich nicht die Macht habe, eine Tote zu erwecken; aber manchmal kann ich von der Zukunft zuleihe nehmen und aus ihrer Sphäre Licht oder Schatten abziehen, wie Wein, wenn sie nahe genug ist, und die Ziehkraft der Gestirne günstig. So mußte Helena, bei ihrem Wiederschwung in den schmalen Sonnenstrahl, der in unser Erdenzimmer fällt, nicht mehr weit sein, sonst hätte ich sie nicht in materia zwingen können.“
„Mir scheint auch, sie wird nicht weit von hier sein,“ gröhlte ein betrunkener Herr. Einige lachten, andere machten: Kscht!
Faust behielt sein unbewegtes Antlitz. Ein anderer aber rief:
„Und ich muß dennoch wieder sagen: Weder kann uns ein anderer Sterblicher die Helena wiederzaubern als nur der Doktor Faustus, noch kann ihm irgendwer durch seine Kunst Schaden zufügen! Niemand! Und mischte der Paracelsus selber das Gift, er kann ihm nicht an.“
„Paracelsus könnte mich im Augenblick töten,“ sagte Doktor Faust abermals ernsthaft und fast leise. „Redet nicht so laut und reizt den Hochberühmten nicht, von dessen Wissen Ihr keine Ahnung habt. Denn er wäre der einzige, dem ich mich überwinden würde, zu sagen: Rabbuni, Meister.“
„Könnt’s auch,“ sagte der Paracelsus scheinbar kalt. Innerlich aber glühten ihm Wein und Zorn, weil er, in seinem Mißtrauen, Fausti ehrende Worte für Hohn und Ironie nahm.
Faust begann wiederum: „Mein Doktor, ich meine das im Ernst und nicht Ihr braucht’s mir zu sagen, sondern ich selber rede davon. Ich weiß wohl, daß mir alles, außer äußerer Wohlgestalt, von der Natur geschenkt worden ist und auch meinen Mangel hat mir die Vorsehung weislich gegeben, damit ich bei meiner leichtsinnigen Art nicht gänzlich in bloßen Sinnengenuß verfallen, sondern ein wenig leiden und grübeln möge. Unser aller Meister und Vorbild aber, der Doktor Paracelsus, kann jahrelang vor einer verschlossenen Pforte stehen und mit dem Engel des Schweigens ringen, bis der sich überwunden gibt und ihm auftut und antwortet! Das ist mehr, als mein Genius oder Dämonion mir leichthin schenkt. Es ist auch mehr, als eure Forschung, meine Herrn. Es ist ein ewiges Feuer, davon dann und wann einer von uns ein Fünklein haben mag, er aber sitzt und hütet den ganzen Hort. Paracelsus hat das Beste, was dem Menschen gegeben sein kann. Was uns andern höchstens gnädiglich zu erraten gegeben ist, das ergräbt und erarbeitet er, und müßt er seinen Weg durch Eis, durch Eisen, durch Feuer und selbst durch ein Heer von Kollegen hindurchgehen!“