Diesmal schwiegen alle, nur Paracelsus lachte auf und trank einen tüchtigen Zug, setzte den Becher ab, sah noch einmal mißtrauisch auf Faust hin und sagte: „So Ihr nicht wieder gescherzt habt, mein guter Doktor, so will ich Euch alles abbitten, was ich im Argwohn gegen Euch gesagt hab’. Es ist ja wahr, ich verfolg’ meine Fährten, wie die Natur sie mir weist, als ein armer Spürhund Gottes. Aber so, wie wir alle zusammen das Schwert niederlegen vor der Schönheit, mit der Satan einen Anachoreten besiegen, und hinwiederum Gott den Teufel zähmen und gut machen könnte, so hab’ ich die größte Ehrfurcht vor dem Ingenio, auch wenn es sich wie ein rechtes Kind, das es immer ist und sein muß, alles schenken lässet. Und darum wünsch’ ich Euch, mein lieber Doktor, es mög’ Euch das Letzte und Schönste geschenkt werden, was Eure sich neigenden, aber immer noch rüstigen Tag’ vergolden könnt. Auf daß Ihr auch in der Frauenliebe seid, was Ihr Euch sonst mit Recht nennet: Faustus, der Glückliche.“

Die beiden berühmten oder doch mindestens beschrieenen Männer tranken sich Bescheid und murmelnd und verdutzt sahen die Neidharte zu, wie sich beide Männer eher zu verbünden als zu verfeinden schienen, infolge der ganz unerwarteten Milde und Herzlichkeit des ehedem so großprahlerischen Faust, der niemand neben oder gar über sich gelten lassen gewollt.

War es das Alter? War es die Liebe? Die Doktoren rieten auf alles, nur auf das eine nicht, daß es der nahe Tod war, der den Unbändigen bescheiden, ja scheinbar liebevoll gegen den Paracelsus machte, weil der ihm unerbittlich voraus mußte. Er störte seine Zirkel.

Der Paracelsus kam jetzt sehr schnell wegen seiner Wissenschaft mit einem starken, feuerroten und dicken Fünfmaßweindoktor in Streit, dem sich andere lärmend beimengten. Da schlich ein kleines, gelbes Männlein an Faust heran und zischelte ihm zu: „Ihr, der weitaus Berühmtere und Geistesmächtigere werdet doch dem Handarbeiter, dem Laboranten nicht schmählich den Vortritt lassen? So zahmes Zukreuzekriechen eines großen Mannes hab’ ich meiner Tag weder erhört noch für möglich gehalten!“

„Was soll ich gegen den Paracelsum, was vermag ich denn gegen ihn,“ sagte Faust seufzend, als sähe er selber ein, daß da nichts auszurichten wäre und ließ resigniert die Arme sinken.

„Ist er denn ganz und gar unangreifbar? Gott hat tausend sterbliche Stellen am Menschen gelassen. Der Teufel läßt nur eine. Aber die ist da, und Ihr wüßtet sie, wenn schon nicht anzugreifen, so doch zu nennen.“

„Das wißt Ihr selber,“ gab Faust trübselig lächelnd zurück. „Er ist gegen Eisen und Blei, gegen Stahl und Stein gefeit; nur ist niemand gegen das Holz gefeit, weil es sich in aller Schöpfung nicht begeben darf, daß ein Mensch weiterleben könnt’ an derselben Materie, an der der Heiland gestorben. Wenn der Doktor durch einen fallenden Baum getroffen würde, wie ich wähne in seinem Horoskop gesehen zu haben, oder selber gegen einen Baum fiele, was nach den dunklen Zeichen ebenfalls möglich wäre, dann müßte er wohl versterben. Denn mit Knütteln wollt Ihr ihn doch nicht erschlagen, meine Herrn. Das wäre eine Schande und ein Unglück für Euch alle!“

Faust stand auf und sah dem Doktor gerade ins Gesicht, so daß der zurückwich: „Ich will dem Paracelo nicht zuleibe,“ rief er.

„Ihr wollts,“ sagte Faust, „so wie Ihr es mir wolltet. Mir tut Ihr nichts, denn ich reis’ in dreien Tagen ab und überdies kenne ich auch meine Stund’, die nicht in der Hand von Euresgleichen liegt. Dem Doktor da drüben aber ist diese Nacht gefährlich, das sag’ ich Euch und hab’s herausgelesen aus meiner Kunst. Wollt Ihr sie nützen? Heute kann’s geschehen, und sonsten in Jahrfrist nimmer. Das sag’ ich Euch, aber meine Hand biet’ ich dazu nicht anders. Und nun gehabt Euch wohl, weil wir uns doch in diesem Leben nicht mehr sehen.“