Ehe der Doktor etwas erwidern konnte, war Faust, ohne Urlaub zu nehmen, schon im Dunkel verschwunden und niemand merkte es, weil das Lärmen um Paracelsus immer ärger wurde. Der große, rote, angetrunkene Arzt brüllte vor Wut, Paracelsus antwortete immer mit kleinen, kurzen und eisern ruhigen und schlagfertigen Sätzen. Alle andern hatten auch schon rote Köpfe. Der kleine Doktor, der wenig getrunken hatte und sich vorsichtig und kühl verhielt, fürchtete, daß Paracelsus die Gesellschaft vorzeitig im Zorne verlassen und ihnen so entgehen könnte. Oder sie zogen die Messer und Degen gegen ihn und verschafften dem Gefeiten einen neuen, abergläubischen Triumph. Ja, es schien, als wollte Paracelsus das ertrotzen, daß sie ihn zu erstechen versuchten, um sich an ihrer vergeblichen Mühe schrill zu lachen.

Da trennte der kleine Doktor geschäftig und geschickt die Streitenden, und indem er sie zu begütigen suchte, redete er leise und eindringlich mit dem einen und dem andern, von denen sich sogleich jeder verdutzt nach dem inzwischen entronnenen Faust umsah.

Aber niemand zweifelte an der Tüchtigkeit des Rates, den ihnen der Schwarzkünstler, wie von ungefähr, hinterlassen hatte.

Jetzt umgaben immer größere Gruppen versöhnlich und vermittelnd die noch Streitenden und den übermütigen Herausforderer der ganzen Kollegenschaft. Sie riefen, es wäre zu viel und wäre auch zu spät und man müßte heimdenken. Einige umringten den ziemlich angezechten Adepten und torkelten mit ihm hinter den andern her, auf allerlei Schlängelwegen an Felsen den Steilpfad nach der Stadt hinunter suchend.


Faust vernahm schon am andern Tag in der Frühe vom entsetzten Stainer, daß das Gastgebot der Ärzte übel geendet hätte. Der Paracelsus wäre von etlichen Doktores oder vielmehr von deren jungen Vikars ergriffen und über den Felsen heruntergestürzt worden, dort, wo die Felsputzer eben mehrere Bäume abgesägt hatten, welche längst den Stein zu sprengen und auf die Häuser zu stürzen gedroht hatten. Es standen dort viele Strünke und dazu lagen auf einem Felsbändel auch die Stämme noch langhin. Dorthin wäre der Paracelsus abgestürzt und hätte lange Zeit jämmerlich gestöhnt, bis andere in ihrer Angst ihn geholt hätten, mit Seilen aufgezogen, wobei er fortwährend vor Schmerzen schrie. Wegen der schweren Verletzungen des Paracelsus, die sonderbarerweise von außen nicht sichtbar wären, hätten diese Gemäßigteren und Abgekühlten ihn dann in sein Quartier am Stein getragen, ihn vermahnt, wie alles nur aus Trunkenheit und Streit erstanden wäre und ihn dann, der sich alles Reden verbeten, in Pflege gegeben und verlassen hätten.

Nahezu drei Tage lebte der Verletzte noch. Schwach am Körper, aber immer noch hellen Geistes, schien er an nichts anderes zu denken, als Ordnung mit seinem Gotte zu machen, an dem der unerbittliche Forscher, durch alle Irrgänge seines Denkens hindurch und trotz der erschreckendsten Wahrheiten, die er sonst entdeckt, unverbrüchlich geglaubt hatte. Er sagte nichts aus, kannte keine Rache, verzieh seinen Feinden, und als sein Freund, der Pfleger und Stadtrichter von Hallein und der kaiserliche Notarius Kalbsohr den letzten Willen des Sterbenden entgegennahmen, fanden sie ihn auf einem armseligen Bett von Reisig sitzend, schwach, aber bei Sinnen und hörten mit Rührung, wie der Abschiednehmende sein recht kümmerliches Hab und Gut den Armen vermachte. Nur eine Flasche mit Tinktur (sie wäre das größte und gefährlichste Gift dieser Erde, wie er sagte), befahl er dem getreuen Sympert Stainer auf der Salzachbrücke zu zertrümmern und in den Fluß zu werfen.

Viel wird hier nacherzählt, wie Stainer die große Phiole gegen das Joch der Brücke geschmettert hätte und die herausspritzende Flüssigkeit augenblicklich das Wasser der Salzach, sowie sie es berührte, in aufleuchtende Goldstaubwirbel verwandelt hätte, die sogleich, schwerlastend, untersanken.

„Habt Ihr noch mehr solcher Tinktur?“ riefen der erregte Freund und der Notar, als der Student das alchymistische Wunder erzählte.