Es hatte jeden gerührt, der das reiche und ohne Maßen verhofierte Mädchen in jener Zeit gesehen. Als hätte sie alle Weihen erhalten, so gehoben und gereinigt fühlte sie sich, seitdem sie wußte, der Mann, dem sie über alles nachhing, hätte vor, Gottes Werk mit einem entsetzlich dreisten und gewaltigen Griff aus den Angeln zu schleudern. Nicht, daß das bescheidene und eher schüchterne Mädchen sich in Eitelkeit verlor: Der muß leben und mein sein. In ihrem Bewußtsein war es, als fühlte sie die Aufgabe der Jungfrau Maria. Noch einmal mußte durch ein Weib die Liebe, die ganz große Liebe in der Welt wieder aufgerichtet und die Menschheit gerettet und gefristet werden wie damals.

Es ging um das ungeheuerliche Vermessen, die Erde zu erretten, welche verbrennen sollte nach Faustens Urteil und ohne den Willen Gottes, ohne seine erweckenden Posaunen, ohne sein Gericht; mitten in der Blüte ihrer Sünden haßvoll und höhnisch verschüttet, wie Sodom und Gomorrha.

Und der, welcher sich des vermaß, wurde von ihr angebetet, ersehnt und verehrt, als wäre er der erste und letzte Mann auf Erden.

Wie denn jedes Weib dem nachgehen wird, der der erste und allerletzte zu sein sich vermißt: wenn auch nur für sie.

Mit Entsetzen vernahm die Chrysoloras in Innsbruck schon wieder neue Mär von ihrem Unheimlichen. Daß er in einer Nacht mit einem gottlosen und verzweifelten Studenten von Salzburg anhergezuckt worden wäre, „durch die Kraft des Feuers,“ wie der Student geheimnisvoll verlautbart hatte. Ein Zeichen, daß die unverbesserliche Jugend gegenüber andern immer wieder zu reden anfängt. Aber jeder will, sobald er andere sieht, immerzu ein Stüflein höher stehen, obwohl es das nicht gibt; so ist der Mensch.

Das Mädel, das sonst immer angstvoll züchtig war und diese Art auch jetzt dem Übermenschlichen gegenüber nicht verändern konnte, wußte sich jetzt nicht zu helfen; denn der Doktor war unauffindbar. Manchmal hatte man ihn abends am Innrain oder in Kranebitten oder Hötting gesehen, immer halblaute Worte murmelnd; immer allein, immer aber auch scheu gemieden und geschont von der Menge, welche zum Teil des römischen Königs Gewalt fürchtete, der dem Faust neuerdings so gnädig war, teils Fausti Zorn. Denn er konnte selbst in eine Kirche oder in ein Kloster, welche doch heilige Orte waren, einen bösen Inkubum setzen, der dort die Leute bei Tag und Nacht plagte. Und wenn irgendwer ihn fragte, ob denn der Teufel auch Gewalt über solche Stätten hätte, lachte er und sagte: „Längst und von dem Beginn her als der zweite, der unheilige Mensch sich dort neben den ersten, den heiligen Stifter des Ordens, gesetzt hat.“

Auch wurde ihr in Innsbruck erzählt, daß er gelegentlich solcher vermessener Reden auch gesagt hätte:

„Der erste ist immer der Schöpfer; der zweite nur mehr der Jäger und der Koch. Der erste schafft ein neues Wesen; der andere tötet’s und macht es genießbar. Indem er es genießbar macht, tötet er es oder gibt ihm den Todeskeim. Möglich, daß Gott nur Engel schuf. Aber da kam der Satan und machte den Menschen draus. Gott hat den Menschen gedacht wie ein Kind. Der Teufel machte den Praktikus draus.

„Der erste Mensch, welcher Gott fühlte, er war übergroß, und sein Gefühl muß ihm beinah den Tod gegeben haben vor Größe und Glück. Der zweite, der es vernahm und es zu verstehen sich vermaß, hat es augenblicklich klein gemacht.