„Und so wird es nur zwei reine Geister geben auf Erden: Den einen, der die Erde erschuf und den anderen, der sie vernichtet.“
Das Mädchen sank vor Angst und Sorge beinahe in die Knie, als sie solche Worte überliefert bekam und lief in alle Kirchen, um jene anzurufen, von der allein sie Hilfe und Gedeihen gegen das übermächtige und trotzige Unternehmen des vermessenen Mannsbildes erhoffen konnte: Von der einzigen, reinen Frau und Mutter, die in allen Himmeln zu finden war.
Der Faustus war aber gar nicht mehr in Innsbruck. Trotz des hereingebrochenen Winters trieb sich eine, für damalige Zeiten unerhörte Schar von Bergknappen in dem roten Porphyrgefelse bei Waidbruck umher, fällte Lärchenstämme in den Wäldern und bohrte Röhren darein, baute aus fichtenen Balken lange Steige und fuhr so immer weiter, bergmannsmäßig arbeitend, in den unheimlichen Naturschacht ein. Überall ließ der Faust seine Apparate anbringen, wo der Braunstein stärker zutage lag oder freigeschafft werden konnte. Dort sollte er, in allen Tiefen und Höhen des Risses zugleich, mit dem spiritus salis bespritzt werden, damit die grüne Luft an allen Stellen zugleich entstünde und sich in ungeheurer Menge nach unten senke. In einer Zeit mußte sie das ganze Loch im Gestein erfüllen. Alles war in Massen vorbereitet, welche man für die damalige Zeit überlebensgroß nennen durfte; wie denn die Goldgier immer überlebensgroß ist, zumal wenn ein kriegführender Kaiser, ein ewig in Nöten schwebender König und eine, durch Luther bedrohte Pfaffheit zusammensteuerten und halfen.
Es ging ja auch der schmalkaldische Krieg an. Da mußte erdrückend viel Gold herbei. Wüßte irgendwer, wieviel Angst, Mißtrauen und doch wieder Aberglauben damals Kaiser und König in den verschrienen Nigromanten setzten! Es war zum Lachen.
Wenn ein Kleiner etwas wirklich will, so wird er darin gefährlich gescheit. Die Ferne der Ziele macht ihn weitsichtig. Wenn ein Mächtiger etwas wirklich will, so ist er entsetzlich dumm. Die verwirrende Nähe der Machtmittel verwehrt ihm jeden Blick in die Ferne und wohin das führen soll, was er so gewißlich in der Nähe errechnen hört.
„Rotte die Stadt Jerusalem aus, und du setzest der ganzen Erde die Juden in den Pelz. Beherrsch’ die Erde, und dein Enkel weint auf einem fremden Stücklein Asyl. Wolle ein Volk vernichten und du machst es groß. Fordere mehr Gold, als alle Schiffe aus der neuen Welt heranbringen können, und du dienest bloß einem Zauberer, der dich selber umzubringen gedenkt. Es ist immer dafür gesorgt, daß die Bäum’ nit in Himmel aufschießen.“ So hatte ehedem ein Wahrsager Karl dem Fünften prophezeit, als der, mit der Devise „Jetzt!“ auf seinem Schilde, nach Algier ausgezogen war. Solang er auf seinem Schilde das Wort getragen hatte: „Noch nicht!“, da hatte die ganze Erde vor ihm gezittert. Nun aber lachte sie.
Früher hatte sich vor Kaiser Karl alles geduckt. Seit dem Kreuzfahrerspektakel von Algier war zuerst der Großtürke mutig geworden und hatte bis Wien heran erobert; dann waren die lutherischen Fürsten aufsässig und endlich auch wieder der alte Franziskus von Frankreich. Es wimmelte von Feinden seit der lächerlich gewordenen Devise: „Jetzt!“
In seiner Desparation glaubte und ergriff nun der Kaiser alles. So kam Faust zu seiner Macht; der größten, die der alternde Mann je errungen, — trotz seiner Herrschaft über die Geister, die ihm bisher nicht mehr an äußerm und innerm Glück eingetragen hatte, als das einer erhabenen Verzweiflung.