Faust also begann sein Werk. Er übersah und besorgte alles, um die Felsenkluft bis ins tiefste zu laden und hatte an seinem neuen Famulus einen getreuen, wiewohl veränderlichen Diener. Denn sobald Wind und Wetter wechselten, da gehabte sich der Junge anders. Immer wohl war er von Faust besessen und ihm gehorsam. Aber es war merkwürdig. Bei westlichem, feuchtem Winde war dieses Kind begeistert, willig und erfindsam, tat auch alles, was man von ihm forderte, schien in allen Dingen wissend in den Tod zu gehen. Kam aber der vermaledeite ungarische Wind, der Wind der stupiden Kirghisen und Mongolen von den Steppen des Ostens daher, da wurde er verzagt, kleinlaut, glaubte weder an sich noch an Faustum, wollte sich irgendwo anklammern und begann wohl gar reichlich von dem guten Weine zu saufen, der unweit von jener Gegend ab Bozen bis zu betörender Süße und Kraft heranwächst. Voll Sorge sah Faust den jungen Menschen seine Phasen wechseln und berechnete seine Perioden immer genauer, damit ihm der Junge nicht einmal aus Schwäche einen Streich spiele. Oft gedachte er, ihm die Chrysoloras zuzuschanzen.

Aber die hätte ihn ja wieder zum Leben geführt. Es mußte im Gegenteil ein neues, stärkeres Unglück sein, welches den Helfer und Vikar des Teufels völlig in die allein brauchbare Verzweiflung stürzte.

Und das nun war der Grund, warum der Faustus seinen jungen Studenten plötzlich mit sich nach Innsbruck nahm und warum er sich, vor den Augen des leidenden, jungen Menschen, der Chrysoloras näherte. Diesmal ganz mit Willen, mit Absicht und mit aller werbenden Gewalt seines Wesens, das sogar auf wilde Zechgenossen, nach allen Quellen, unwiderstehlich gewesen sein mußte, wenn er nur recht wollte und nicht hoffärtig zu werden begann.

Um den Tag omnium sanctorum, also zu Beginn Novembers, war der Faust wieder zu Innsbruck, um des römischen Königs Majestät Bericht über den Fortgang im tiefen Loche der Porphyrfelsen zu geben.

Es hat damals der römische König viel mehr zur Arbeit getrieben als der Doktor selber. Denn zuerst wollte der seinen Famulus in die letzte Verzweiflung hetzen. Bald danach aber kam es dahin, daß Faust selber der Zurückgehaltene und Verzögernde war.

Denn jetzt war etwas geschehen mit seiner Seele, von dem sogar das alte Volksbuch in wunderlicher Mischung weiß. Das eine Mal erzählt es, er hätte sich, in seiner Sehnsucht nach Sinnenreiz und Heidentum, die griechische Helena verschrieben und mit ihr wäre er einen Bund eingegangen. Soviel kam immerhin von der Wahrheit in das Sagenbuch. Dann aber berichtet das Buch, daß er nahe daran gewesen wäre, aus des Teufels Klauen errettet zu werden durch ein Sakrament, das ihn dem Leben und der Schöpfung Gottes wiedergeben hätte sollen. Und das war jenes der Ehe. Beide Überlieferungen haben ihre Wahrheit und ihren Grund und beide gehen auf die Geschichte mit der Helena Chrysoloras zurück. In Innsbruck hieß sie nicht anders, als die griechische Helen’. Die fand er und faßte zu ihr eine Neigung, die endlich zur Hinverlorenheit und Leidenschaft wurde.

Die schlichte Urmär aber zu allen diesen Phantasien geht so:

Über das Mädchen war es wie Rausch von Glück und Schmerzen gekommen. Hier war endlich der Mann, der bis in alle Höhen und Tiefen ragte. Und er, der Wissendste aller Sterblichen, war zugleich der Absagendste und Unglücklichste; den Tod zog er allem Glück und Glanze vor und wollte in seiner tiefen Trostlosigkeit gleich die ganze Schöpfung mit sich in die Vernichtung reißen. Der Weiseste und Weiteste war zugleich der Verdammteste von allen, welche jemals gelebt hatten. Ihr graute vor dem ungeheuren Streben dieser Menschenseele; aber eine Hinneigung ohnemaßen zog sie zugleich an. Anklagen und verraten hätte sie den Mann, den sie zu lieben begann, nimmermehr können. Zu verhindern wußte sie ihn auch nicht, und da selbst der getreue Sympert von ihr zu ihm abgewichen war, so war sie völlig hilflos und allein zu einer Zeit, in der sie wußte, daß die Arbeiten am Felsenriß von immer zahlreicheren Bergknappen betrieben wurden, die dort in ihrem Gewimmel, ameisenklein, am schauerlichen Werke Faustens schafften und keiner Ahnung gewürdigt waren, daß sie immer mehr von den Tagen dieses Erdballs abbröckelten. Denn daß es dem Faustus gelingen würde, daran zweifelte das Mädchen, das ihn anbetete und sich blindlings unter seine Erkenntnis fügte, keinen Augenblick. Der Doktor hatte jahrelange Berechnungen vorausgehen lassen, hatte in allen Bergwerken die Hitze in den verschiedenen Schachttiefen ermessen und kannte den Schmelzmoment jeglicher Materie; er hatte das Satansöl erprobt und errechnet, und was er selber nicht zuwege brachte, das hatten seine tollkühnen Famuli und zuletzt gar der unselige Paracelsus, in seinen Diensten, auserprobet und berechnet. Der Menschheit eminenteste Gehirne waren an der Arbeit gewesen und Faust hatte einmal gestanden, daß, im Grunde, sein ganzes Leben an diese eine Absicht gewurzelt gewesen wäre. So war das leidenschaftlich bewegte Mädchen das einzige, lebensfrohe Menschenkind auf Erden, das genau um die Nähe des jüngsten Tages wußte.

Wie ihr, die zerrissen von Angst und Liebe war, zumute sein mochte, ist nicht zu beschreiben. Es verdrehten sich beinahe alle Stränge ihres Denkens und sie wäre dem Wahnsinne anheimgefallen, wenn sie nicht immer mehr den Glauben an Maria, die unsagbar gütige Magd, an ihr verzweifelndes Herz gerissen hätte. Tagelang lag sie auf den Knien und betete mit Inbrunst und Reinheit um Errettung dieser Erden und um Errettung ihres Faust aus einer Vernichtung, wie sie niemals in einem Menschenhirn gelegen hatte.