An einem solchen Tage, da sie sich den Faustus mit aller Macht ihres reinen Willens herbeigewünscht hatte, um sich ihm zu Füßen zu werfen und als Lösegeld für die von ihm gerichtete Erde darzubieten, war Föhn in der Gegend von Innsbruck ausgebrochen.
Es gibt wenige Gegenden, wo der nahende Föhn eine so unmäßige Abspannung und Bangigkeit in den Gemütern der Menschen, ja sogar der Tiere, erleben läßt, wie im Innsbrucker Tal. Es legt sich ein tödlicher Druck auf alle Lebenshoffnung, Kraft und Freudigkeit, daß jegliche Frische des Menschenherzens wie auf ewiglich verdammt und dahingeschwunden erscheint. Es haben sich im Gang der vielen Jahre Tausende von Menschen das überdrüssig gewordene Leben zu solcher Stunde genommen.
Am Grunde des El Ghor, da einstmals Sodom und Gomorra lag, kann kein ärgerer Druck und keine größere Trostlosigkeit sein, als sie in den bangen Tagen und Stunden vor Föhnwetter zu Innsbruck ist.
In solchen Stunden rang und betete die arme Helena. In solcher Zeit kam auch Faustus wieder nach Innsbruck; dumpf, ungläubig an sich selber und seinem Vorhaben, an seinem Werk, an seinen Berechnungen, an der Kraft seines Höllenmittels und an der Möglichkeit, überhaupt so entsetzliche Mengen des Greuels zu erzeugen, den er in verzweifelter Stunde erfunden und zum Tode dieser Erde bestimmt hatte.
Wenn irgendwo ein kleinster Fehler lag, wenn alles lächerlich mißlang? Was half ihm der Trost „magna voluisse magnum?“ Er war aller Eitelkeiten überdrüssig, eben weil er viel zu sehr und viel zu gierig den Eitelkeiten nachgejagt hatte, sein verstürmtes, verlornes Lebelang.
Wofür lebte er dann noch, wenn sein großer Haß, von dem allein er noch Kräfte erhielt, vor ihm selber klein und lächerlich geworden war?
Das zerpressende Wesen des Föhns drückte auf sein Gehirn, daß er es bersten zu fühlen meinte, erniedrigte sein Gemüt, seinen Stolz, seine Tatkraft. Alles erschien vergeblich, trostlos, unmöglich und winzig.
Da kam in der Dämmerung des Abends Helena zu ihm, nachdem sie (es war am Tage Allerseelen) tausend Lichtlein für die Dahingegangenen gespendet hatte und die Erlösten angerufen hatte, beim Vater der Schöpfung zu bitten, er möchte ihr die Kraft geben, den Faustus zu erlösen.
Gegen Abend sank endlich der erwartete Südwind von den Bergen herab und begann an Fensterläden und Dächern schauerlich zu rütteln. Als käme Frühling, so lau und veilchenweich wurde plötzlich die Luft. Aufatmeten die Menschen.
Faust saß in seinem Studierstüblein, das ihm der römische König in der Hofburg eingeräumt hatte, und war völlig verduckt und gebrochen. Steinalt und überlebt kam er sich vor. Da trat das Mädchen zu ihm und leuchtete im Scheine des Kaminfeuers wie die goldene Bildsäule einer antiken Göttin; so schön und scheu und schlank war sie.