„Es ist unser Los, obwohl mich darnach nicht verlangt,“ sagte Helena mit gesenktem Kopfe. „Magst du bedenken, Johannes, wer mich sonst ergreifen und besitzen würde? Wäre er in dem einen besser als du? Und wär’ ich dir ihm wert?“
„Ah,“ stöhnte Faust, in seiner ewigen Eifersucht getroffen, welche alle andern haßte.
„Ich denke mir, es ist das, was mir immer häßlich und beleidigend vorkam, bei dir eine Vorhalle und Stufe zu deiner Seele und deinem Vertrauen, ohne welche Prüfung ich niemals bis an dich selber gelangen kann. Nimm, was du mußt und wisse nur, daß ich’s zwar nicht mit Lüsten, aber mit Liebe ertragen werde. Ich werde abwarten und dir so lange mit dem Niedrigen dienen, bis du mich wegwirfst oder ohne mich nicht mehr leben, noch sein, noch denken und bauen kannst in diesem Leben. Entweder ich werde dir völlig zur andern Hälfte, der alles gehört, deine Pläne, deine Vermessenheit und deine Verzweiflung und Demut, oder ich hab’ mich überhoben, dir so viel sein zu wollen. Dann hab’ ich meine Strafe und dann wirf mich zum Abfall deiner andern Ernüchterungen fort.“
Faust schwieg stille.
So hatte er noch keinen Weisen auf Erden reden gehört und keinen arabischen Magus; keinen Priester und keine Jungfrau.
Das erste und das einzige Mal und das war jetzt und hier, da war es dem Faustus, der sich in der Kirche nur mit Spott und verständnisvollem Grinsen vor der Hostie gebeugt hatte, so, als müßte er in die Knie brechen und weinen wie ein Kind. Hineinweinen in den reinen Schoß dieses Mädchens! Und aus diesen Tränen der gefallenen Seele und Helenas bloßem Opferbereitsein müßte hier zum andern Male Der entstehen, der zwar nicht die starre Welt, aber die noch viel starreren Menschenherzen entzweisprengen würde!
Der verhaltene und harte Mann schwand zwar nicht zum Kniefall vor dem Weibe dahin, aber er setzte sich schwach und schwer nieder. Dem Kinde wies er wortlos seinen eigenen Platz am Kaminfeuer und es war eine lange Weile nichts zwischen ihnen, so daß das Mädchen sehr bange um den Ausgang seiner Herzenssache gewesen wäre, wenn es nicht gemerkt hätte, wie es in dem gefährlichen Mann zuckte und riß. Er kämpfte mit sich und versteckte seine Rührung, aber sie merkte es dennoch und streichelte ihn, wie ein Kind, wie eine Geliebte und wie eine Mutter, alles in einem. Und wußte innerlich, daß sie gesiegt und mit dem Fuß eine große Schlange zertreten hatte.
Hat sie der alternde Faust eingenommen oder sie ihn? Es ist ein Ding, über das jederzeit beide sehr glücklich sind.