Faust konnte weinen; — ganz leise ...

In jener Stunde also, da dem harten, gehässigen, höhnischen und gelehrten Doktor Faust heimliche Tränen geschenkt waren, wie vielleicht seit seiner Jugend nicht, hatte der Föhnsturm im Kamin allein seine Rede. Die zwei Menschen schwiegen, er aber litt und klagte und toste für beide. Das Feuer verkroch sich unter seinem brausenden Herunterfahren, dann rebellierte es doppelt; ebenso, wie die Herzen jener beiden Menschen, die sich kein Wort mehr zu sagen hatten und dennoch bald entbrannten, bald zu sterben und auszulöschen vermeinten. Immerzu aber sang das Element im Kamin. Es donnerte und es rieselten Sand und Ziegelstücke hernieder; es verpreßte sich und schnaufte und dann wieder weinte es; bald aufheulend, bald leise.

Das Mädchen: „Heute ist der Tag Allerseelen. Denkst du nicht daran, Johannes, daß unser Volk hier herum sagt, wenn der Wind im Kamin so sein Wesen hat, dann weinen die armen Seelen?“

Faust nickte und saß zu ihren Füßen hin, wie er vor langer Zeit bei der frühgestorbenen Mutter getan.

„Nun warst du eine verdammte, arme Seele bei lebendigem Leibe,“ sagte das Mädchen, dem die Haare sich im Feuerscheine vergoldeten. „Leide nur immerzu mit; ich will dich nicht mehr verlassen.“

Faust aber vergrub sein Gesicht in den Knien des Mädchens und atmete das fremde, junge Wesen ein, ohne ihr etwas anzutun. Und so oft der an alle Begierden Verlorene spürte: das ist ja das schönste junge Weib der Erde, da stand er auf und ging mit großen Schritten auf und nieder und es ist wahr, daß ihm die Jungfrau dabei nicht aufatmend, sondern traurig zusah, weil er ihr Opfer nicht annahm und weil sie sich fürchtete, der Feind könnte stärker werden als alles, was sie zu geben hatte.

Aber als der Sturm dermaßen donnerte, daß die ganze Stadt an nichts anderes zu denken vermochte, als wie sie nur mit gesunden Dächern und Häusern den nächsten Tag herandämmern sähe, da fühlten beide sich zuletzt so ausgeschlossen von den Gedanken aller Welt, daß sie vermessentlich alles fortwarfen: Jedes eine ganze Welt, dem andern zuliebe.

Und von dem Tage an begann die Zeit, da ging der berühmte Doktor bei der Hofraitkanzlei den Krebsgang; hielt zurück, bat um Stundung und um Einhalt der Arbeiten wegen des Winters und war daran, ein Menschenkind zu werden. Schwach, klein und mitleidswert wie alle andern lieben und bösen, geratenen und mißlungenen Menschengebilde auch.

Die Chrysoloras aber war damals schöner als je und war so glücklich, daß ihr Vater immer sagte: „Du tolles Heidenkind.“