Er allein wußte noch nichts von ihren heimlichen Gängen zum Nigromanten. Aber in der Welt entstand damals schon, zuerst durch wegziehende Innsbrucker Studenten jene bekannte Fabel, der Faustus habe sich durch böse und schwarze Kunst die schönste Frau aller Zeiten erzaubert: die griechische Helena des Homer.
So wunderlich wird von den Menschen alles symbolisiert; immer steht nur ein Körnlein Tatsache da.
Das aber war es nun, Gott nehme es als Klage an: Wäre der Faust mit diesem unbändigen Glück zufrieden und seliglich geworden und geblieben, er wäre nicht der Faustus gewesen.
Im stillen hatte ers oft verwünscht, daß er der größten Schönheit niemals teilhaftig geworden wäre. Jetzt, wo es gekommen war, glaubte er zuerst oft, er müßte von Sinnen kommen und augenblicklich fertig sein fürs Tollenhaus, wenn er ihre still und bescheiden dargebotene Schönheit mit den Augen prüfen durfte. Er war weitherum in die Länder gereist, welche sich jahrtausendlang mit der Schönheit menschlichen Körpers und seiner Bewegung verwöhnt hatten und sah längst nicht mehr mit den Augen der bald zufriedenen deutschen Malermeister. Das aber, was ihm hier geschenkt worden war, hatte an Ebenmaß kein Grieche und kein Italiener in seinen höchsten Verzückungen erlebt. Er wußte es. Und, noch einmal, er erstaunte oft, daß er vor Glück über diese allerletzte und späte Gabe Gottes nicht irrsinnig wurde.
Aber es grübelte und wühlte in ihm von jungauf. Das konnte jetzt nicht abgewöhnt sein. Darum sagte sich der unzähmbare Mann: „Für ein biegsam und malenswertes Mägdlein gibst du deine Feindschaft gegen Gott hin? Diesmals lachen nicht alle Teufel; aber im Himmel mag es ein klingelndes Gelächter geben darob!“
Auch war noch etwas in ihm, von dem ungut sprechen ist. Aber weil hier von einem Manne die Rede geht, der bis an die Grenzen aller Sinnengierden gewüstet hatte, so muß es, ungern, gesagt sein. Er wollte von dem Mädel, das sich ihm aus einer Liebe ergeben hatte, die man treulich die göttliche nennen hätte dürfen, andere Liebe haben; ganz andere! Das heißt aber, verdorben, verbuhlt wollte er sie; — um kein böseres Wort zu brauchen. Irgend ein Teufel in ihm trieb ihn zu diesem Wunsche, nach dessen Erfüllung sie gewesen wäre, wie eine andere, hitzige Dirne, so daß er sie dann vielleicht nicht einmal gerührt von ihrer völligen Niederlage, verworfen hätte. Das schöne Mädchen aber gab sich, ohne daß die Sünde sie hinriß. Das wühlte in ihm wie eine Beleidigung.
Er wußte sich schöne und begehrte Weiber von einstens, die waren in einer Stunde siebenmal vergangen und hatten ihre Seele weggeseufzt. So wollte er die Chrysoloras haben. Er zerquälte sich, daß sie ihm nicht gab, was bei reinen Mädchen erst spät und aus einer bloß körperlichen Gewöhnung entsteht und dann nur wunderlich, ihnen selber und ihrem eigentlichen Wesen ferne und seltsam vorkommt. Denn sehr verschieden sind die Frauen in der Umarmung.
Der mißtrauische Mann aber legte das Wesen des Mädchens dahin aus, daß sie wohl unter dem Druck eines Jüngeren dahinverbrennen würde. Bloß ihm, nur ihm alternden Manne konnte sie das Entgegensprühen des Elektrons nicht mehr geben! Das wühlte und zerfraß ihn.
Und doch kann keine Treue sicherer bestehen, als die, an der keine Sinne teilhaben, sondern die sich an das urewige Wesen eines seltenen Menschenkindes klammert und nichts anderes begehrt als das.
Aber so ist der Mann, daß er den Leib im Staube sich winden sehen will, wie den eigenen. Und daran, an dieser Grenze, geriet Faust am Gotte vorbei.