Er glaubte nicht an das reine Weib und deshalb verzweifelte der unrein gewordene Mann jetzt an sich selber. Gab sich und seinen Jahren schuld. Konnte sie ihn beim Haupte nehmen und mit elfenbeinblassen Armen umringen und mit den Händen im Haar liebkosen, da meinte er, sie suche nach, ob er schon gar zuviel graue Haare hätte? So mißtrauisch und verloren war er und dachte sich das Mädchen so wie sich selber, während sie ihn bloß anbetete und inbrünstig ihm vergab und ihn koste, so gut sie es konnte. Je süßer sie in ihrer Liebe wurde, desto mehr verzweifelte er an ihr und sich selber. Alles legte er zuletzt anders aus.

Einmal, nachdem sie sich gesagt hatte: Du hast den erfahrensten Mann dieser Erde in deinen Armen, frag ihn aus, da begann sie: „Sag’ mir, Faust: Wozu, da du alles durchforscht hast, wozu meinst nun du, daß Gott den Menschen erschuf?“

Da fuhr der mißtrauische Mann auf: „Du willst wohl Mutter werden und dafür ein Sprüchlein haben?“

Das Mädchen richtete sich beinahe erzürnt und ernsthaft auf: „Ich frag’, was ich frage, ohne einen andern Gedanken, als daß du allein mir darauf vor allen andern Menschen Antwort geben könntest.“

Dasmal sah Faust ein, daß ein Kind mit seiner Seele gefragt hatte und erwiderte ihr in seiner Weise: „Gott hat den Menschen erschaffen, damit der ihm Antwort gäb’ auf Ding’, die er selber nit weiß!“

„Faust, ist das dein Ernst?“

„Mein Ernst. Soweit ich Gott neben die Vernunft gestellt habe, hat er sich mir als ein liebes, dummes, aber ungeheuerlich sicheres Lasttier erwiesen, das neben den gefährlichsten Abgründen gehen kann, ohne hineinzustürzen. Bei diesem Schreiten neben Abgründen kannst du auch am Menschen abpassen, wieviel vom Gotte in ihm steckt. Unsere Vernunft ist ihm, was uns ein Kartenspiel in müßigen Stunden ist; er sieht hinein, macht Mischungen, führt verschiedene Spieler zusammen und wirft zuletzt alles durcheinander: Es war ja nichts. Darum wollt’ ich ihm ein Spiel wenigstens verderben! Mehr vermag auch ich nicht.“

„Und hast es aufgegeben?“

„Und tät’ es aufgeben, solange ich dein Gott wäre. Dein einziger, dein eifersüchtiger, dein alldurchdringender, der nicht einmal ein armes Holz- oder Ölbildlein neben sich dulden würde!“

„Das bist du, ich schwöre es dir,“ sagte das Mädchen und küßte den Mann, den sie so sehr liebte, weil er so ungeheuerlich und gefahrdrohend gewesen war und nun ihr zuliebe so mild und gezähmt. Wirklich, sie liebte ihn über alles; denn keiner war so abseits und so nahe am Äußersten. Auch hatte er abgründig mißtrauische, todtraurige Augen; in die konnte sie nicht genug schauen. Dann war er in vielem dennoch wie ein Kind geblieben. Er hatte dichtes Kraushaar. Auch sein Mund war herb und irgend eine Lust war deshalb in ihr unersättlich, diesen absagenden Mund in weichere Form zu küssen. Weiter, er war hungrig nach ihr wie ein erst Gewordener. Das erhitzte sie nicht, aber es schmeichelte ihr viel mehr, als er ahnte. Sodann, aber lange nicht zuletzt, seine Stimme klang verschwebt und traurig; gar nicht hart und haßerfüllt. So, daß sie sich immerzu wundern mußte, wie ein Mann mit so entferntem Ton den Ingrimm fassen hatte können, alles zusammenzuschmeißen, was Gott in Jahrtausenden erbaut. Daß nun sie allein dawider und dazwischen kam, das machte ihr so hohen Mut und solches Glück, daß sie immer mehreres an ihm schön fand, als diese eben gesagten Dinge, und wirklich und wahrhaftig in den zu Jahren kommenden, armen Mann verliebt war, an dem es so viel zu bewundern, so viel, sich zu entsetzen, und so viel zu bemitleiden und zu bemuttern gab!