Das war, in kurzem zusammengefaßt, die Liebe der Chrysoloras. Und während die Theologen, ferne oder nahe in Innsbruck, die erschreckendsten heidnischen Liebesnächte ahnten und der verhohlenen Chrysoloras alle Laster ansahen und zumuteten, da war es so was Herzliches und Inniges und Zutrauliches mit der Mädelseele, daß man wohl glauben hätte dürfen, Gott selber hätte sie endlich und letztlich zum Fausto gesendet, damit sie ihn errette und erlöse. Denn mehr konnte auch er nicht geben.

Es kamen noch andere Sendboten des Allgütigen zu dem verlornen Manne, um seine Seele sänftiglich zu ermahnen. So ließ sich dieser Winter dermaßen milde und gütig an, daß Faust, der immerzu an der Begierde nach dem Süden, seiner vielen Sonne und seinen Früchten litt, beinahe im Boznerlande zu sein glaubte; so weich und gut ging es zu Innsbruck damals her, seit jenem Föhn.

Er ging einmal von seiner Geliebten, die ihm gefügig, demütig und zärtlich erschienen war, wie sie ihm noch nie bedünkt hatte — (und das war viel) — mit einer Seele, die gerührt war wie die eines Genesenden, in den lieben Novembersonnenschein hinaus, ging über den Paßberg bis zur Sillschlucht und schaute den herrlich klaren Sturzwassern zu, wie die eilig gegen Süden hinwirbelten. Dorthin, wo sein erschreckliches Werk weitergedieh, ohne daß er mehr dabei sein wollte. Vielleicht floh er mit Helena? Von einer lieblichen Willenlosigkeit erfaßt, ließ er seinen Tag dahinspielen, als wäre er mitten in seiner Jugend.

Er war heute dermaßen ergriffen über die Liebe, die ihm, dem unschönen und bejahrten Manne da gegeben worden war, daß er an allem Gefallen fand und dem Gotte, mit dem er sonst ingrimmig zu hadern pflegte, in seiner unziemlichen Weise, aber nicht höhnisch, jetzt zurief: „Manchmal machst du es doch ganz hübsch, du alter Sünder und Lebetappel!“

Es waren unschöne Worte; jedoch sein Herz, das er vor sich selber zu verstecken strebte, war an diesem Tage viel schöner.

Da aber zogen Bauern vorbei und ein paar Bürger; die hatten sich aus Brixen und Sterzing zusammengetan, um in der Residenz den Andrämarkt zu besuchen. Und das übermütige und gutlebige Volk sang, alle zusammen, das damals berühmte Leiblied aller gesunden und derben Philister:

„Ach Gott, durch deine Güte
Gib uns Mantel, Rock und Hüte;
Dann Rösser, Säu’ und Rinder,
Schöne Weib’ und noch mehr Kinder!“

Da blieb der Faust stehen.

Der urgesunde Hohn dessen, den er Gott nannte, stieß kräftiglich auf seine Träume hernieder. Er machte ein böses Gesicht und schaute den Kerlen nach.

„Wenn ihrer einer, nur einer von ihnen so was wie dein Ebenbild wär, du Dalk dort oben! Ein Ebenbild, wie die wälschen Maler hinstellen,“ murrte er. Als die Davonziehenden aber das Lied nicht genug jubeln konnten, da rief er ihnen nach: „Daß euch die Franzosen dazugesegnet sein mögen, ihr Mißgebäck!“ Und sah ihnen mit zornflammenden Augen nach! „Ich möcht’ doch sehen, ob ich, der Faustus und Denker, mich je unterwunden hätt’, einen Bamsen in die Welt zu setzen! Ich, ich tät’ mich des schämen und unwürdig fühlen! Da ist aber ihrer keiner, der schöner von Leib wäre, als ich armer Schwartenhans! Ausschauen tun sie, wie Bastarde von Feldrüben und Alräundeln. Und solche Affenbande möcht’ sich nicht genug wiederholt und fortgezeugt wissen? Daß einem das Kotzen ankommen müßt! Und so ist die ganze Erden getan. Ehedem waren der Menschen gar wenig, da standen sie nahe bei Gott und hatten einen Abglanz von ihm; — so oder so. Der Schönheit war viel da und der unholden Masse wenig. Jetzt sind es in den Städten schon hundertmal tausend Rauhwuzeln, Rüpel und Dirnen. Millionen! Und schaun aus, wie Ackerknollen. Müssen sich aber vermehren, daß es langsam zum Verzweifeln sein wird auf der überwimmelten Erden! Krieg und Quälerei und Blutvergießen und andere Bosheit treiben sie genug, aber all’ das, samt der Pest, kommt nicht auf gegen ihre Wonne, immer mehr Affen ans Tageslicht zu setzen!