‚Herr, schenk’ uns Säu und Rinder, Weib und noch mehr Kinder!‘
„Und selbst wenn unsereins, in brennendem Bemühen, sein unersättlich Herz zur Ewigkeit emporhält und frägt: ‚Gott, Gott, was ist das alles und warum läßt du uns ewiglich so weiterbetrogen sein?‘ Wer bei ihm die Wahrheit sucht, der erlebt bestenfalles kalte Antwort, wie er sie dem hochwissenschaftlichen Paracelsus oder auch irgend einem Mathematicus gab! Er ist ein unsagbar nüchterner Gesell, vor unserm Verstande.
„Nur wer dahingeht wie ein Kind, der lebt im Rausch. Aber im selben Rausch wie diese Novemberblumen, die in drei Tagen erfroren sein werden. Fopperei ist alles.“
Er blieb wiederum stehen: „Nur zwei Menschen gab es auf Erden. Den ersten, der den Gott schuf; — den zweiten, der ihm absagte.“
Der Magier war wieder in seinen unzerreißbar festen Gedankenkreis hineingeraten: Dieses Spottbild einer Schöpfung, mit dem Menschen obenan, müsse hinweg. Das hatte er sehr oft und mit hinreißendem Feuer dem jungen Stainer in dessen ohnedies verwundete, arme Seele gelegt. Er hatte es ihm flammender eingebrannt, als Farben in einem gemalten Fenster sitzen. Der Junge konnte jetzt nur mehr mit Faustens Augen sehen, nur mehr mit seinem Hasse atmen, nur mehr an Gott denken als den großen Possenspieler, Fopper und Torkler, der, im Grunde ohne eigene Vernunft, alles rundum elend machte, und dem mans zurückgeben mußte!
Für diese seine verzweifelnde Lehre hatte der Faust zu allen Zeiten andere Worte und Laute. Zuweilen so rührende wie ein Kind. Und gerade dann ergriff er seinen magisch gebannten und nach ihm dürstenden Schüler am meisten.
„Es ist ja alles nur Heimweh und Heimbegehren,“ sagte er einmal in ergreifendem Ton, der dem Jungen durch die Seele schnitt! „Es ist ja gar keine Auflehnung, was ich tue, sondern unsinnige Begierde: Zurück zu ihm! Zurück in den Schoß, wie ein ungeborenes Kind! Ist er der Unbewußte und Ahnende, als den ich ihn weiß, warum bin ich verdammt, zu wissen und zu durchschauen? Zu hohnlachen und zu verzweifeln?! Geb’ er uns doch sein entzogenes, väterliches Gut, uns allen, damit Ruhe wird und die Häßlichkeit nicht ganz und gar überhand nimmt! Sollen denn nur die Guten aussterben? Denn dahin treibt es! Und die Krummbeinigen mit den Affenstirnen werden frechhin die Erde überwimmeln! Hinweg also mit den Sehnlichen, denn sie leiden zu viel: Hinweg, mehr noch, mit dem Aasgeschmeiß! Mag sich die alte Feuerkugel stillbesinnlich wieder im Tanze drehen wie ehe; ich ertrage den Menschen nicht mehr!“
Nun mag man sich solche Worte und herzzerreißende Klagen in der Seele eines todwunden Jungen wachsen vorstellen. Dessen geheime und hinuntergebissene Liebe war hoffnungslos. Zudem neigt gerade die blumenzarte Jugend viel mehr zum Tode hin und Schwermut, zum Verzweifeln und zur Sehnsucht nach dem harmonischen Verklingen, als der ältere, holzige und ausgedorrte Lebenswille. Das Sterben steht in magischer Nähe zu jenen vielleicht, weil sie noch die unbekannt gewordenen Harmonieen des Nichtseins im Ohr nachklingen haben.
Ja; es entstand eine reißende Sehnsucht in dem wahnsinnig gewordenen Knaben nach der endlichen Vernichtung. Und daß er allein ausersehen sein sollte, der Amanuensis des großen Widerpartners Gottes zu sein, der Arm des Vernichters, das zog ihn vollends hin.