An diesen seinen jungen Gesellen dachte Faust nunmehr die ganze Zeit und er überlegte, ob er ihn nicht wieder heißmachen und aufhetzen sollte. Dann sah er um sich, sah die Erde lächeln, als wäre Frühling, entsann sich abermals, wie dieser Tag so recht ein Symbol des ganzen Truges wäre und warf sich, von zwiespältigsten Gefühlen überrannt und verzweifelnd, am Weg ins frisch herausgekommene Gras, das so betrogen war, wie er selber und stöhnte: Vor Hilflosigkeit, vor Anklage, vor Flehen um Gnade und Friede.
Das liebste Mädchen indessen wußte, wie schwere Rückfälle in die alte entsetzliche Melancholie ihr einzigster Mann hatte und sie diente ihm auf das zärlichste, aber auch auf das behutsamste und klügste. Da nicht ein Brand der Sinne sie zu ihm gerissen hatte, vermochte sie es, trotz aller Zärtlichkeit und Liebe und Sorge, sich zeitweise von ihm fernzuhalten und so immer seine Sehnlichkeit nach ihr zu schüren. Wenn er dann über die Maßen hungrig nach ihr war, kam sie und gab karg, bescheiden, aber unendlich zärtlich. So blieb Faust vollkommen ihres Wertes bewußt und wurde hingehalten und verzögert, einen Tag um den andern. Bis eben auf jenen trügerisch bestrickenden letzten Novembertag, der ihn an sein vergängliches, im Winter entstandenes Frühlingsglück erinnerte.
Zu spät, zu vergänglich! Zu hold und eben darum unerträglicher, als wär es zu rechter Zeit gekommen!
Wie Faust nun war, mißtrauisch und immer aufs Völlige und Letzte gierig, wollte er nunmehr erforschen, wie es in der Seele des Mädchens aussehen möchte. Ob ihre Treue aushalten möchte? Auch um den ergrauenden und gebückten Mann? Und ob er, der sich vermaß, der einzige Mensch auf Erden zu gelten, ob er wenigstens dem jungen und schönen Weibe der Erste und der Letzte, kurzum, der Einzige wäre und bliebe?
Dann, so wollte er’s in Gottesnamen hinnehmen und einen Vergleich mit Gott eingehen und zufrieden sein, oder zufrieden tun, und sich bezwingen; Amen.
Das aber, in die Seele des Mädchens zu blicken, wie in ein klares Brunnenwasser, das vermochte der Doktor gar wohl. Schon daß er, in vielen Gegenden und Gelegenheiten, die Menschen ausgelernt hatte, diente ihm auch hier, und er hätte dem makellosen Mädchen, als erstem Geschöpf auf Erden vielleicht, vollhin vertraut. Aber er wußte mehr und konnte tiefer und weiter forschen. Und das war nun eine seiner schwarzen Künste und er betrieb sie also:
Als er eines Tages wußte, daß am Abend das liebe Mädchen zu ihm kommen würde, bereitete er sich den ganzen Tag und sogar die Nacht vorher darauf vor; stärkte sein Innerstes durch Enthaltsamkeit und ließ nichts als unalltägliche Gedanken in sich. Aber auch davon so wenig, als er ihnen nur immer abwehren konnte. Er saß, völlig in sich geschlossen und geklammert, stille, bis die Lebenskraft in ihm weder aus noch ein wußte. Er aber bändigte sie weiter und wußte sogar das Drohen und Blitzen seiner unruhigen Augen in Starre zu bannen, ganz so, als wäre er aller Dinge überdrüssig, apathisch und gleichgültig wie ein hinsterbendes Tier, das nichts mehr auf Erden begehrt.
Gegen Abend dann erhob er sich langsam und nahm ein großes Stück Holzkohle. Mit dem beschrieb er, sich mächtig ausdehnend, einen Zirkel auf den Estrich seiner Stube. Der Zirkel war etwa so groß wie ein sehr enges Brunnenloch; nicht mehr als anderthalb Ellen im Durchmesser.