Nun begann er das Rund mit schwarzer Kohle auszustreichen und er zog seine breiten, dunklen Striche mit etwa solchen Bewegungen, wie eine Katze tut, wenn sie erwacht und sich dehnt, um die allzu überschüssige Kraft herauszurecken. Oder wie ein gesunder Mensch, der sich nach langem und tiefem Schlafe im Vollgefühl des Übermutes dehnt.

So strömte Faustus dasselbe Geheimnis von sich, von dem er im Buche zu Salzburg gelesen hatte: „Wisset, daß es einen wunderbaren Stoff gibt im Körper des Menschen, genannt Luz. Der ist des Menschen ganze Kraft und Tüchtigkeit, zugleich die Wurzel und der Boden von allem Sein. Und wenn der Mensch vergeht, so stirbt und vergeht diese Kraft nicht und löst sich dabei nicht auf, wie der Zufall des Körpers. Selbst wenn sie auf einmal in das größte Feuer getan würde, so brennt sie und verzehrt sich nicht. Sie kann auch nicht geteilt werden und zerbrochen oder zerstampft oder zermahlen, sondern sie ist ewigdauernd. Im Menschen und nach dessen Hinscheiden, so wie geschrieben steht im Ecclesiastica 26: Et ossa sorum impingabit.“

Diese Kraft nun, die Himmel und Erde und alle Fernen gleicherweise durchpulst und alles erschauern macht, was geschaffen oder noch ungeschaffen ist, gab Faust, der ihrer Herr geworden war, mit einer Art Grauens von sich hin, so daß sich ihm die Haare knisternd hoben und sich sträubten, wie bei einem, der arg entsetzt ist. Er aber bestrich das ganze Rund völlig mit der schwarzen Kohle und streckte und dehnte das hinein, was törichte Menschen den Willen nennen, was aber gar nicht ihrer ist, sondern des unheimlichen Allbelebers Geheimnis.

Es kam nun das Mädchen.

Wenig geheimnisvoll, sondern unbefangen tuend, empfing sie Faust und sprach von vielen Dingen, aber nicht besonders zuredentlich. Sondern er lauerte leise dahin, wie sie immer mehr von dem schwarzen Rund gefangen genommen wurde, wie ihr der Atem schon etwas kürzer werden wollte und sie, je länger je mehr, nach dem dunklen Kreise starrte, so daß ihr zuletzt die Augen weit und angstvoll wurden und sie nicht mehr loskonnte von dem, was sie unwiderstehlich dorthinzog.

„Eva, laß ab,“ sagte Faust, freundlich prüfend. „Hast doch schon mehrere kabbalistische Charaktere bei mir gesehen und doch nicht begehrt, in sie einzudringen. Wirst mir auch jetzt nicht neugierig sein.“

Helena schüttelte die Locken aus dem Gesicht wie wirre Gedanken. Sie versuchte, sie zu sammeln. Aber bald umging sie, im Kreise, wieder den schwarzen Fleck. Immer näher kam sie ihm, es zog sie mit unwiderstehlichen Gewalten hin. Mehr, viel mehr, als der Schwindel den Erbleichenden an hoher Wand aus der Tiefe her erbeben macht, — aber ähnlich.

„Daß du mir nicht zu nahe herantrittst,“ schrie Faust ihr bedrohend zu: „Es ist dort, wie ein tiefer Brunnen; abgrundtief, daraus die Vergangenheit steigen kann und auch die Zukunft, so sehr reicht er bis an die Ewigkeit hin! Du würdest hineintaumeln und dich zerstürzen! Um aller Kräfte willen, geh nicht zu nah heran und betritt den Kreis nicht! Hinunterschauen aber magst du immerhin.“

Leichenblaß und zitternd schritt das Mädchen hinzu und die Knie schlotterten ihm so sehr, daß Faust jeden Augenblick zu ihr zu springen bereit war, um sie zu halten. Aber sie stürzte dennoch nicht, sondern vermochte sich, auf versagenden Füßen, schwer und schleppend, zu erhalten.

„Was hast du?“ fragte Faust.