Und mit herzzerreißendem Blick: „Sie wollen Mutti sagen!“
Eine Weile starrte sie hinunter, dann fügte sie mit einem Schmerze und einer Gequältheit ohnemaßen hinzu: „Und dürfen nicht!“
Sie stöhnte in Sehnsucht, dann lief ihre Rede weiter: „Aber du, sie haben doch alle deine Augen, deine trotzigen, deine scheuen, deine verdunkelten, geheimnisreichen Augen! Nur den Hals, den haben sie von mir. Oh du, sie haben gar keine hohen, starken Schultern! Rund, rund und lieblich ja, aber nicht belastet! Eins von ihnen kann sich jetzt nimmer halten. Du, du! O die runden Ärmchen, wie sie sich stemmen! Hilf, es will klettern. Die wehrlosen Knielein, wie sie sich abmühen, und finden keinen Halt am Rande und — — Faust! Faust!“
Mit der entsetzlichen Angst des Tieres, das nicht selber sterben darf um der Jungen willen, sondern sie verderben sehen muß, was unbeschreiblich grausam ist, rief sie: „Ich lass’ es nicht zu, ich will nicht! Lieber will ich selber mit ihnen — —!“
Ein so entsetzlicher Schrei gellte aus der Kehle des gequälten Mädchens, welches ihr junges Volk immer schwächer zu ihr streben und haltlos gleiten, ja zu stürzen beginnen sah, daß Faust mit einem jähen Sprunge heranschnaubte, sie zurückstieß, so daß sie hintenüber in Ohnmacht sank und seinen roten Mantel über das schwarze Rund hinwarf. Das Mädchen hätte sich sonst zu den stürzenden Kleinen in den Abgrund geworfen und wäre, auf dem magischen Kreise, tot liegen geblieben.
Schwer, wild und schwer atmete der erschütterte Mann.
Und er stand lange Zeit, schaudernd. Viele Künste hatte er geübt und oft war er über einen Hingestürzten weggeschritten, dem die Magie Herz und Seele verklammt und ihn getötet hatte. Das, jetzt aber, war ihm bis in die Nieren gegangen. Er vermochte selber nur mit Anstrengung zu stehen und zu atmen. Starr blickte er auf das wesenlose Bündelchen Leib, wie es da lag, zusammengekauert, sowie er es hingestoßen und es seine Besinnung verloren hatte. Endlich raffte er sich zusammen und ging, mit einem keuchenden Seufzer, nach Mixturen. Dann redete er ihr ruhig zu. Von dem, was er sagte, sind ihr später die Verse erhalten geblieben, die er mit dem tiefsten Mitleide und väterlicher Milde sprach:
„Was willst denn du?
Die ewig Unruh oder ewig Ruh?
Die ewig Ruh, die kennt die Seligkeit,
Die dir ein tiefer Schlaf allweile beut.
Die Hast, die ist ein ewiger Herod’,
Der mord’t dein Kind und gibt dir selbst den Tod.“
Mehr unter dem Ton seiner Stimme, als unter solchen Worten schlug sie gänzlich andere, irre, hilflose, aber nur mehr verwunderte Augen auf. Nichts an ihr schien mehr gestört; sie war bloß wie nach einem schweren Traume, von dem sie nichts mehr wußte. Wie zerschlagen.