Nur aus ihrer elfenbeinweißen Haut dampfte immer noch die Angst, und Faust erschauerte, als hätte er ein andres Wesen in den Armen. Sonst hatte das einzige Mädchen einen Duft, behaglich, wie heiß angeplättetes Linnen; hausmütterlich und lieb. Jetzt spürte er Fremdes, ihm Feindliches an ihr und als sie sich erholt und auf viele verwunderte Fragen nur dürftige Antwort erhalten hatte: „Dir ist schlecht worden,“ oder „Geh nun zum Vater, ich habe Angst um dich,“ da mußte sie sich doch zum Fortgehen anschicken, war deshalb traurig, entschuldigte sich, verwundert und verwirrt, daß sie ihm statt Liebe und Lust nur Schrecken gebracht hätte und ging endlich, auf ihren schwachen, zitternden Füßen fort in die Nacht hinaus und nach Hause. Sie schämte sich sehr.
Hinter ihr aber ballte sich Faustens Seele schwarz und grimmig zusammen wie Wettergewölk.
Auch auf der Gasse ging es nicht geheuer zu. Zwei Männer hatten, jeder verhohlen und ungesehen vom andern, auf die Chrysoloras gepaßt. Zuerst sprang der junge Stainer aus dem Dunkel und wollte der Geliebten nach. Sie ermorden, sie schützen? Was wußte er selber! Er war namenlos unglücklich! Helena, die Dirne des Meisters!
Der andere maß ihn flink und berechnete seine Bewegung, seine Gestalt und sein unsicheres Unterfangen; dann eilte auch er vor und faßte den Scholaren am Arm: „Still,“ zischelte er.
Der Junge erstarrte. Im schwachen Mondlicht sah er ein Antlitz, abgründig häßlich. Breite, freche, höhnische, nichts glaubende und nichts bemitleidende Lippen, tückische Augen, breiter, niedriger Wollschädel, abstehende Ohren, Lasterfalten am ganzen gemeinen Antlitz heruntergezogen. Erst dachte er: „Des Fausti Schwager, der Leibhaftige!“ Aber dann ward er sogleich inne, daß keiner der Bösen so auszusehen vermöchte. Mögen sie entsetzlich sein, sie sind Geister und sind groß. Dieses Antlitz, in seiner niedrigeren Gemeinheit und gänzlich seelenlosen Häßlichkeit, konnte nur einem Menschen gehören!
„Was wollt Ihr?“ stammelte der Student.
„Warum hast du auf die Chrysoloras gelauert?“ fragte der andere so drohend dawider, daß Stainer sich verteidigte: „Ich bin doch ihr Vetter, der Sympert!“
„Dann mags gut sein; mich hat ihr Vater aufgestellt, der alte Chrysoloras.“