Heute entschloß sich Clarisse. „Gut,“ sagte sie. „Wenn Sie es geschickt machen, daß man mich bittet, liebster Meister, so gebe ich Ihnen nach.“

Der Maestro wäre kein Italiener gewesen, wenn er nicht Komödie zu spielen verstanden hätte. Als er nach aufgehobener Tafel ans Klavier gebeten ward, schlug er vor, daß Signorina Ravolini singen dürfe.

„Die Ravolini,“ riefen alle Herrschaften begeistert, denn das war eine beliebte junge Sängerin der heurigen Stagione. Aber die Ravolini war gar nicht da und Barrées gestand bedauernd, daß er sich nicht erinnere, sie eingeladen zu haben.

„Ach, wenn doch endlich Ihre Tochter, als meine beste Schülerin, die Güte haben wollte, zu beweisen, daß ich Lehrer zu sein vermag,“ flehte der Maestro den Gastherrn an.

Da stand, von der Begeisterung der gesamten Gesellschaft geschoben, gezerrt, gehoben und von den Damen förmlich Schritt für Schritt nach vorne geküßt, sehr bald Clarisse auf der Estrade.

Und sie sang. Sie sang die kleinen, altmodischen Hirtenlieder der trefflichen italienischen Singspielkomponisten, die alle gleich liebenswürdig, gleich talentvoll und gleich leuchtend waren und das liebe achtzehnte Jahrhundert mit den entzückendsten musikalischen Schelmereien versorgten. Sie sang eine Arie, dann eine Arietta, dann einen Chanson, dann ein Madrigal und dann wieder eine Arietta. Sie sang, und atemlos verliebt starrte alles sie an.

Ihre Stimme war mühelos, leicht und elastisch, wie ein Federball von den Notenlinien wegprallend und wiederkehrend. Die Atemtechnik merkte man gar nicht; es schien, als ob dieses Vöglein kaum der Luft bedürfe. So stand sie und neigte sich nach der ersten Arie tief und wurde vor Freude rot, denn ihre Gesellschaft raste vor Überraschung.

Die Arietta dann bäumte sich auf wie ein Wellchen im Bach, lockte, floh, entfernte sich, neckte und träumte durch eine Stimme hindurch, die zum Verzaubertsein leicht und zart, nein, zärtlich war.

Da begann der junge Mignard leise und glücklich in seinem Herzen zu leiden.

Aber weiter und weiter lachte das heitere Rokoko aus kapriziösen Liedchen ihn aus, und die fröhlich gewordene Clarisse wählte jenen Chanson, der soeben den Siegeszug über ein ganzes Geselligkeitsjahr anzutreten im Begriffe stand: das entzückende Grillenlied der kleinen Schäferin aus den „Sentiments du pauvre Robin“. Dieses Lied hatte einen Refrain, der mit dem französischen Wortstamm „ris“, der Wurzel des Wortes Lachen, auf reizende Weise Fangball spielte, indem er, zuerst als Grillengesang, dann als ernsthaft scheinendes Studienmonstrum einer Übenden, und zuletzt in ein stockend anfangendes, aber bis ins Unaufhaltsame weiterrollendes leises Gelächter ging, das immer leichter, zarter und höher anstieg. Dieses Liedchen, das die junge Schäferin unbekümmert, wie auf und ab gehend, zu singen anfing, hatte als erste Strophe diese: