In der Ferne brannten die roten Buchenwälder des Kahlenberges.
„Der eine kommt, der andere geht,“ lachte Mozart, dem es wohltat, Plattheiten zu reden, wenn in seiner Seele der Aufruhr der Klänge wühlte. „Was gibt's Neues in Paris, Bruderherz?“
„Schwerwuchtig Neues,“ sagte Gilovsky. „Es rührt sich eine andere Welt, um zu entstehen. Die Franzosen werden ein anderes, eisernes Zeitalter schaffen.“
„Die Franzosen? Ach Gott nein. Das sind bloß Österreicher mit einer hübscher gefältelten Sprache. Ich glaube, die verklärten Seelen der Wiener kommen in Paris wieder auf die Welt.“
„Nimm das nicht so leicht, Wolfgang. Was hast du von Paris gesehen? Die Pompadour, Straußenschweif und Reiherbusch, Brokat und Parkett.“
„Und du?“
„Ich war anderswo. Bei den Winkelzeitungen, wo junge Bürgerliche, glühend wie unterirdisches Feuer, für hundert Franken im Monat um zehntausend Franken Genie verbrennen. Wo über den Freiheitskrieg in Nordamerika gewispert wird, daß sich ihn Frankreich auf den eigenen Schiffen, in den eigenen Regimentern importieren wird. Gib acht, Wolfgang Amadé, — ein Volk, in dem die ersten Siedebläschen steigen.“
Mozart blieb stehen und schaute zu Boden. Die Musik in ihm schwieg. Nachhallend nur fielen ringsum von den goldenen Bäumen flüsternde Blätter. Wie verrieselnde Noten eines Scherzo, welches zu Ende ging.
Der junge, wilde Gilovsky in seiner Werthertracht aber zog ihn mit sich: „Hörst du, sie hassen dort das helle, frohe Genießen, und ich, Wolfgang Amadé, ich hasse es auch. Denn ich bin einer von der neuen Welt, das habe ich dort erfahren. Dort sind die Gassen eng, die Häuser hoch. Dort brütet in Staub und Brodem der Stank der Sonnenlosigkeit. Dort hockt die hohlwangige, skrofelfeuchte Wohnungsnot, das Elend der Masse, der maschinenstarke Druck der Industrie über jeder Brust. Hier in Wien gibt es das noch nicht, was sie in London Mob, in Paris Pöbel nennen. Hier hat der unterste Stand seinen Stolz und der Stolz seinen Grundbesitz. Dort aber hat ein böser Übermut den Menschen zur Schachtelware gemacht. Gedrängt sitzt dort das blaßwangige Elend, — aber Wolfgang: es jammert nicht. Es brütet. Und das ist schön, — schön! Hier singt und leuchtet die Welt noch. Wien ist eine große Wiese, voll Grillen und Heupferdchen, die alle im schläfrigen Sonnenschein musizieren. Dort aber ist der Groll, das Stöhnen, der Seufzer, die Sehnsucht. Dort erlebst du das Wunder, daß Flammen aus dem Sumpfe steigen; die Flammen des Irrlichtes. Es ist schön, wunderschön, geheimnisvoll schön!“
Wolfgang Amadé fieberte leise. In ihm hatte stets wie hinter einem Vorhang ein kleiner, dunkler Raum gelegen, in dem Ähnliches träumte. Nun fingen dort seltsame Stimmen zu rufen an, die ihn mit Angst schüttelten. Stimmen, welche für seine Sonnenwelt das Jenseits bedeuteten. Sie hatten schon vor Jahren aufgeschrien, als Graf Arco ihn wie einen Halunken aus den Diensten des Erzbischofs gestoßen hatte, und hatten von da ab stets einen leisen Unterton gesungen, wenn übermütige Adelige ihn begönnerten. Aber er liebte so sehr das Lachen, die bunten, schönen Kleider, die reichen, königlich frisierten Frauen, den Champagner und den Luxus, daß diese Stimmen selten sangen. Nur dann und wann schwang sich unendliche Wehmut wohllautvoll wie ein sterbender Schwan über die Welt seiner Melodien empor. Es war das österreichische Juchzen, von dem niemand sagen kann, ob es Lust bedeutet oder Weh, denn trunkene Arbeiter und Rekruten können es am besten.