„Oh,“ rief Fortunat, der den Unterton bemerkte, „und wovon wollen Sie leben?“

„Glauben Sie nicht,“ lächelte Clarisse, „daß jene Sängerin, die mit dem kleinen Grillenliedchen eine ganze Versammlung wirbeln machte, wenig Sorge um ihren Unterhalt haben dürfte? Glauben Sie nicht, daß der Name Barrées meiner Stimme in den Theatern von London oder Wien nur noch mehr Wohlklang geben dürfte? Und glauben Sie, Maestro Primavesi hätte die große Gelegenheit, Furore für seine Schule zu erregen, nicht längst schon benützt und mir kein Engagement verschafft? Ah, wir haben unsere Zukunft in der Tasche! Nicht wahr, Olivier?“

„Ja,“ sagte Mignard gerührt und betreten. Denn dem ritterlichen Jungen war es entsetzlich, seine Zukunft der Arbeit seiner Frau verdanken zu sollen.

Da stürzte Fortunat voll Verzweiflung zu seinem Onkel, zu dessen Kerker ihm die Bemühungen Barrées und Mignards Zutritt verschafft hatten. „Onkel Balsamo,“ sagte er, „ich gehe hin, um mich aufzuhängen. Diese Menschen sind unerträglich! Wir verhöhnen sie, wir betrügen sie, wir geben ihnen Kognak und Kantharidensaft statt des heiligen Atems Gottes zu trinken, und aus all diesem Betrug und Schwindel erwächst eine Liebe, so mutig, so opfervoll und so leidend, so süß und göttlich schön, als sei ein Rosenstrauch aus dem Dreck des Teufels erblüht!“

Da schrieb Cagliostro einen zweiten Brief an den Grafen von Barrées:

„Teurer Graf! Daß Ihre Tochter nicht Sängerin werden und den Skandal nicht auch noch mit Trillern vor der Welt verkünden darf, darüber sind wir beide einig. Ein solcher Beruf wäre zwar das allersicherste Mittel, sie recht bald aus dem Besitze Herrn Mignards in einen anderen gelangen zu lassen, aber nicht leicht in den Besitz einer Grafenkrone. Versorgen Sie das junge Paar mit derart reichen Zuschüssen, daß es sich gedemütigt fühlt, keine Sorgen mehr hat und in seiner Verstecktheit Langeweile bekommt. Richten Sie Ihre Briefe mit dem Innentitel nur mehr an die Maitresse des Herrn Mignard und geben Sie Ihre Einwilligung zu ihrem Treiben unter der Bedingung, daß es geheim und versteckt bleibe, was bei dem augenblicklich so starken politischen Lärm leicht geschehen kann. Sie glauben nicht, Herr Graf, wie demütig Langeweile einen Menschen machen kann, Langeweile von der Art, wie ich sie hier in der Bastille kennen lerne. Es ist eine Qual, von der zu befreien Clarisse Sie bald ebenso bitten wird, wie Sie um diese Vergünstigung gebeten sind, von Ihrem ergebensten Diener

Cagliostro.“


Vierzehn Tage nachher war Graf Cagliostro mit seinem Neffen auf der Flucht nach Italien, und in den Salons ging die Nachricht von der Verlobung des Marquis von Chateauvert und der kleinen Clarisse de Barrées umher und war so selbstverständlich und langweilig, daß man nur mehr auf den nächsten Liebhaber der jungen Frau riet.

Mignard trat wieder in die Marine ein und besuchte Madame de Chateauvert nur mehr in den Pausen zwischen zwei seiner Seereisen, wodurch ein Verhältnis entstand, ein Verhältnis, welches auch nach der Revolution durchaus nicht altmodisch gescholten wurde und welches sowohl in jener flüchtigen und leichtfertigen Zeit, als auch in den etwas kräftigeren Tagen, die ihr folgten, als das rührendste, schönste und dauerhafteste in dem ganzen riesenhaften Dreieck zwischen Calais, Toulon und Bordeaux galt. In dem Dreieck, dessen Schwerpunkt den Namen Paris trägt. —