In seinem Ärger schloß sich der Graf den Bemühungen Mignards an, und es gelang beiden, den Widerstand des Herzogs von Orléans und anderer einflußreicher Gönner zu brechen. Diese Herren, die bisher die Verhaftung Cagliostros in Sachen der Halsbandgeschichte hintertrieben hatten, ließen nun dem Groll des Königs freien Lauf, und der fortschrittliche und sehr freigeistige Graf Barrées wünschte jetzt die Zeit der Hexenprozesse zurück, um Cagliostro verbrennen lassen zu können. Denn nun glaubte auch er an den verfluchten Trank.
Wie stark dieser Trank gewesen sein mußte, leuchtete ihm nach den drei Tagen, in denen er seine Tochter nicht gesehen hatte, ein. Das Mädchen war fort und dem Vater blieb von ihr nichts als ein Billettchen in der Hand: sie habe sich ihren Mann selber gesucht.
Die Komtesse war durchgegangen, der junge Mignard desertiert. Nun wohnten sie zusammen in einer kleinen Dachkammer am Rande von Batignolles. Graf Barrées und Mignard mußten mit zusammengebissenen Zähnen schweigen, weil der eine die Ehre seines Standes und der andere die seines Chemikerberufes zu wahren hatte.
Cagliostro aber schrieb aus dem Gefängnis einen Brief an den Grafen, in dem er drohte, die Wirkung seines Trankes an den Tag zu bringen, wenn er nicht seine Freiheit und jene Diamanten wieder erhielte, die er an Barrées um des Liebestrankes willen verpfändet hatte. Diese Diamanten! Barrées hatte sie schon triumphierend zur Lösung der ganzen Halsbandgeschichte ausliefern wollen. Nun mußte er allen seinen Bekannten erzählen, daß Mignard sie bei der chemischen Analyse als wertlose Komposition erklärt hätte, und Mignard, der froh war, dem Rufe Cagliostros wenigstens hier schaden zu können, schimpfte mit ihm auf den Schwindel.
Cagliostro erhielt also vom Grafen seine schwer ergaunerten Brillanten zurück und das Versprechen der Freiheit, wenn er die beiden Verrückten, die weiß Gott wohin durchgegangen wären, ausfindig machte und durch ein Gegengift von ihrer entsetzlichen, taktlosen und gänzlich unmodernen Leidenschaft kurierte.
Ohne die brennende Eifersucht des jungen Fortunat wären die Verliebten nicht zu finden gewesen. Der aber erspähte ihr enges Nest in zwei Tagen und überbrachte ihnen einen Brief Cagliostros, gerade in dem Augenblick, als sie vier Artischocken, die ihr ganzes Mittagsmahl ausmachten, verspeist hatten und den letzten Fond unter sich aufteilten, wobei jedes wollte, daß das andere den ganzen Leckerbissen bekäme. Sie waren bettelarm, alle beide, und hatten fast gar nichts mehr zu leben.
Fortunat überbrachte den beiden jungen Leuten das Gegengift Cagliostros, das in folgendem Briefe bestand:
„Madame! Der Liebestrank, den Sie und Herr Leutnant zur See Olivier Mignard mitsammen geleert haben, bestand aus altem Kognak, der sehr zu brennen vermag, etwas Rosenöl, das poetische Gefühle erweckt, und einer ganz nichtigen Spur von Kantharidenspiritus, aber nur genau so viel, um die Herren von der Akademie bei der Analyse ein wenig bedenklich zu machen. Ich hoffe nicht, daß er bei Madame gewirkt haben könnte. Die übrigen Ingredienzien sind etwas Saft von der verbotenen Frucht, geheimer Aberglaube, und schließlich die alte Lust Adams und Evas an der ganzen Sache überhaupt, der jede Gelegenheit recht ist, um lieben zu dürfen. Ich weiß, daß nach dieser Ernüchterung Ihre sehr verehrten Herren Eltern mit ihrer Vernunft wieder zu Rechte gelangen werden und Sie ob des kleinen und gar nicht unangenehmen Spaßes nicht zürnen werden Ihrem in Entzücken über Ihre Schönheit, Jugend und Unerfahrenheit versunkenen Grafen Cagliostro.“
Da wurde die kleine, gänzlich illegitime Gattin des jungen Mignard abermals dunkelrot vor Scham und Zorn. Sie stand auf, machte dem jungen Fortunat einen Knicks, kurz und ungeduldig wie eine aufschnellende Fauteuilfeder: „Wohlan,“ rief sie mit dem ganzen Stolz ihres alten Geschlechtes und ihrer jungen Großtat: „Verkündigen Sie den Grafen Cagliostro und Barrées, daß ich mich glücklich schätze und ihnen dankbar bin, erfahren zu haben, daß diese Liebe, um deretwillen wir hier darben, uns nicht aus den Händen eines Charlatans, sondern aus den Händen der göttlichen Natur gegeben wurde. Sagen Sie diesen Herren und Herrn Doktor Mignard, daß wir uns fortab nicht mehr als vergängliche chemische Verbindung, sondern als das Urelement alles Entstehens fühlen und daß wir nun erst recht beisammen zu bleiben gesonnen sind. Nicht wahr, Olivier?“
„Ja,“ sagte Mignard erfreut und kleinlaut zugleich. Er war sehr hungrig.