Zu Straßburg auf der Schanz,
Da ging mein Trau'ren an ...
Das Alphorn hört ich drüben wohl anstimmen,
Ins Vaterland mußt ich hinüberschwimmen, —
Das ging nicht an.

Und mein Urgroßvater Primus Thaller hatte den Kuhreihen mitten in Paris gesungen! Auf dem Hofe der Schweizer Kaserne war er gestanden, im gelben Sand, auf dem die Abendsonne glühte und die Soldaten sich zum Ausgang in die Stadt rüsteten. Zugegangen war das auf solche Weise: Er hatte von seinem, um sechs Jahre jüngeren Bruder Quintus, Tambour beim Regiment „Prince d'Orléans“, einen Brief aus Amerika erhalten, den Brief eines achtzehnjährigen Jungen, der von Lafayette, Washington, Freiheit, Bürgertrotz und Bürgerstolz schrieb, so schön und dumm und heilig, wie das überhaupt nur ein achtzehnjähriger Junge zustande bringt. Der junge Quintus schrieb, daß die Regimenter der Lilie heimkehren würden; über ihren Häuptern aber würden unsichtbar feurige Zungen mitfahren, welche in Frankreich mit riesigem Loderbrande emporflammen müßten; große Flammenzungen, große Worte:

Freiheit! Gleichheit! Brüderlichkeit!

Große Worte? Freiheit, Gleichheit? — Da gedachte mein armer, sehnsüchtiger Großvater, daß da und dort in seiner Heimat dergleichen schon seit Jahrhunderten ohne große Worte zu Hause war ... in Appenzell etwa, von wo er gekommen war, um Ehre und Geld zu verdienen. Und er gedachte, daß man aus Amerika als gewaltig neue Sache die Menschensatzung wie eine Welterstaunlichkeit über das Meer bringen mußte, da sie doch zu Hause lange still und ganz vernünftlich ihr verständiges Blütchen getrieben hatte. Es könnten sie doch nur jene brauchen, denen sie eingewachsen war: stille Leute mit Schranken ringsum. Das große Menschengesetz ist weder Rausch noch großer Jubilo: es ist ein ehrlich kramendes Abwägen; es soll für die unendliche Menge sein, die Fleisch, Brot, Zimmer, Kammer und Küche, ein bißchen Sonne und ein bißchen Grünzeug, aber viel Arbeit braucht, damit die Mordbestie gut und tüchtig schlafe.

Warum diese Genies ihre Gesetze nur immer wieder für Genies machen?

In Appenzell zu Hause hatten sie schon lange das, wovon in Paris erst jetzt scheuheimlich geraunt wurde. Er dachte an seine bedächtigen Onkel, an ihre Kühe und Kälber, an ihre Felder und Alpen. Es ist doch der Menschheit naturangemessenes Paradies, meine liebe Schwyz, hatte der Sergeant gedacht — — — und, ganz in tiefen Gedanken verloren, den Kuhreihen gesungen.

Da war es aus und geschehen.

Denn die amerikanische Kunde hatte viel ärger in den Herzen gehauset, als mein braver Urgroßvater Primus — vorn Ehrlichkeit und hinten Zopf — sich geträumt, und wenn's nicht schlimmere Leute getan hätten, so hätte die Pariser weibliche Dienstbotenschaft allein schon ihre Liebschaft aus der Schweizer Kaserne verdorben. Die Dienstbotenschaft war ein gutes Teil der großen Hefe, durch welche die große Revolution gärte.

Die Disziplin hatte längst schon gelitten. Es waren Landsknechtsnaturen im Regiment und ein Dutzend davon fielen in das sehnsuchtsvolle Piano meines Urgroßvaters mit trotzigen Kräften ein, so daß der Kuhreihen weithin erscholl. Es hatte ihn schon seit Jahrzehnten keiner mehr gesungen und war also auch keiner bestraft worden. Nun aber war er ganz anders erklungen als ehedem. Nicht als der große Reißaus! Nicht als das allmächtige Heimweh! Nein, bloß als Trutzlied auf ein zopfiges Verbot. Sie jubelten und jauchzten den Kuhreihen, sie ahmten das Almhorn durch Nase und Kehle nach und hatten großen Jux: zehn oder zwölfe. Aber obgleich mein Großvater davongeschlichen war, als er sah, daß man ihm die Stimmung verdarb, und obgleich nur ein paar dumme Unterwaldner, Schwyzer und Appenzeller Kühbuben Heimweh davon bekamen und desertierten, — er war doch der erste gewesen und mußte als dreizehnter gelten. Man sperrte ihn ein; nach dem Gesetz war er dem Tode verfallen.

Nun war die Todesstrafe so ziemlich das einzige, was den entferntesten Untertan sogleich und direktement mit dem Könige verband — — ich weiß nicht recht, ob es heute nicht am Ende in euern Monarchien auch so ist?