Der hatte seit jenem 1. Mai die kleine Blanchefleure mit ihrem besonnten Blumenantlitz nicht vergessen können. Zuerst dachte er, es sei Dankbarkeit und trug ihr Bild in sich herum, wie ein selbstübertäuschter Mönch jenes der Himmelsjungfrau.
Die Revolution fegte mit dem impertinent heiteren Versailles und dem Großadelsbesitz jede Hoffnung hinweg, in La Réole Milchmaier zu werden; aber sie erinnerte sich des guten Bürgers Primus Thaller, der beinahe den Tod durch die königlichen Kriegsartikel erlitten hätte. So wurde er Offizier; Kapitän vom Fleck weg. Er kam in ein Regiment, dessen gesamtes adeliges Korps zerstoben war und in dem an den Offiziersstellen Branntweinschänker, Laufburschen oder sonst welche Gamins, kurz die ganzen talentierten Nichtsnutzigkeiten festsaßen, welche, durch die Revolution emporgewühlt, die großen Siege der Republik erfochten.
Es behagte ihm nicht sehr, aber er verzehrte seine Gage und das gefiel ihm. Immer aber gedachte er: wo mag die kleine Blanchefleure sein?
Da erfuhr er, daß man ihren Herrn Marquis-Gemahl geköpft habe und daß die kleine Witwe im Temple vielleicht gar auf ein ähnliches Ende warte.
Ach, ging da ein Frühlingsausbruch von Freiheiten in seiner Brust empor! Gleich wußte er jetzt, daß er verliebt war. Jetzt ist sie Wittib, jetzt ist sie ärmer als eine Appenzeller Kuhdirn, jetzt kannst du sie heiraten. Diese Logik stieß sich so überraschend in ihm empor, wie ein Maulwurfshaufen in beruhigt summender Wiese.
Sein Bruder vom ehemaligen Regiment Prince d'Orléans hatte Wache im Temple; zu dem lief er hin. „Du Quinteli! Ist bei euch nicht ein junges Frauenzimmer eingesperrt, mit einem geblümten Seidenrock, so breit wie ein Imblikorb, und drei Straußfedern in den Haaren?“
„Nein,“ sagte der Leutnant Quintus, früher Tambour. „So welche haben wir nicht, sie müßte das Röckli am End ausgezogen haben. Wie heißt sie denn?“
Da sagte Primus den Namen und Quintus ärgerte sich. „Dieselbe kenn ich gar wohl“, schimpfte er. „Ein mudelsauberes Frauenzimmer, die mir neulich gesagt hätt', die Amerikaner verstünden nichts von unseren Feinheiten, und wie ich ihr unter das Kinn habe greifen wollen und gemeint habe, wir verstünden doch ein bißchen davon, hat sie gesagt: Der Mensch hat Augen, um sich zu freuen; selbst der Hund hat noch seine Nase, ich sei noch viel weiter dahinter: ein grauslicher Schneck, wenn ich überall nur gleich hintasten müsse, um was Hübsches zu begreifen. Aus Amerika käme nichts Feines.“
Eben wurde ein Herr Vicque d'Azyr in den Temple gebracht. Ganz nachdenklich hatte er sich von den Soldaten bis hierher führen lassen, jetzt hörte er das Gespräch der beiden Brüder und sagte: „Das war richtig und geht noch tiefer. Man kann herzlich diese französische Revolution verachten, aber vor der amerikanischen, vernünftigen Bürgerkälte darf man Angst haben. Ein feiner Instinkt könnte prophezeien, meine Herren: Die Kultur Europas stirbt soeben an der Vernunft der Vereinigten Staaten. Wir werden seit eurer mißglückten Nachahmung eine geistige Kolonie Amerikas sein; nicht viel besser, als Griechenland seit Mummius dem unfeinen Rom gehörte. Unsere Künstler werden wie jene alten nur mehr zerbrochene, sehnsüchtige Flügel regen, aber nichts wird ihnen mehr glücken. Die Amerikaner aber werden mit heiliger Scheu die Ruinen unserer Kultur besuchen, die viel zu fein für sie ist.
Europa war zum letzten Male originell vor dem Mai 1789.“