Rohan und der Chevalier waren vom Hofe weg nach dem Elsaß, dem ihrer Meinung nach brutalsten Lande der Welt, verbannt worden, in dem man kaum erst das Französische zu erlernen begann, geschweige denn die Sprache von Versailles. Die berüchtigte Halsbandgeschichte war schuld gewesen. Der Kardinal und der Chevalier hatten beide die entzückend leichtfertige Königin sehr geliebt, und der Chevalier hatte gehofft, bald der Nachfolger des beschränkten Rohan in der Gunst Marie Antoinettes zu werden. Die reizende Geschichte war mit dem ärgerlichsten Skandalprozeß zu Ende gegangen, und weil der Kardinal in Bergzabern das Schloß seiner Väter aus größter Langeweile von neuem aufzubauen begann, folgte der Chevalier seinem Beispiel, den gewaltigen Versuch zu wagen, aus einem Stück Elsaß ein Stück Versailles zu machen.

Es war entsetzlich, zu Beginn der Verbannung!

Die Landry hatten ihren Stammsitz seit drei Generationen nicht gesehen. Großvater Landry, Vater Landry und Landry Sohn hatten, ähnlich den Seligen des Himmelreichs, im Angesicht des Königs Zeit und Ewigkeit vergessen. Louis quatorze, Louis quinze, Louis seize, vor jedem lächelte ein Landry, hinter jedem flüsterte ein Landry. Die Landry waren erbangesessen hinter dem oeil de boeuf. Alles, was ihnen von ihrem Vogesenbesitz bewußt war, bildeten die hunderttausend Ecus jährlich: Hunderttausend fröhliche, leichtfertige Taler, die dem Elsaß gänzlich unnötig waren und die darauf brannten, an Karossen, Puder, Pferde, Sängerinnen, Samt, Tressen, Jagdpartien, Festschmäuse und Trinkgelder verwendet zu werden.

Und nun saß er, der erste Landry seit fast einem Jahrhundert, wieder auf dem Schlosse. Von der Wasserscheide der Vogesen bis weit ins ebene Land hinein gehörte ein Stück Erde ihm, schön, mild, reich und still wie eine Insel der Seligen. Er aber starb beinahe daran.

Er taufte sein Schloß um; er nannte es Schloß Patmos, weil Jean Evangeliste de Landry hier verbannt saß. Er, der niemals einen Berg erstiegen, ächzte dreimal die Woche zum Kamm der Vogesen empor, schaute nach Westen und wünschte im Graben der einzigen Straße Frankreichs sein Leben zu beschließen, der Straße von Paris nach Versailles.

Er sah sie: ein beständiger, leuchtender Königszug. Karosse an Karosse. Die hochfrisierten Damen mußten sich oft weit vorbeugen, lachend oder vor Schreck aufschreiend, weil zwei Pferdehäupter hinter ihnen über dem Fond des Wagens nickten. So voll, so rauschend war der Verkehr. — Die ganze Straße war ein Trab, ein Geplauder, ein Lächeln, Winken, Nicken, sie war Frankreichs Salon, Stelldichein und einziger Ausflug ins Freie zugleich.

Nach einiger Zeit lernte Herr von Landry infolge der vielen Seufzer die Bergluft atmen und sie machte ihn etwas stärker. Er sagte mit einem Teil jenes Trotzes, der die Landry vor über hundert Jahren geziert hatte: Schön: Kann ich nicht nach Versailles kommen, so soll Versailles zu mir kommen. Hunderttausend Taler Rente bedeuten hier mitten in der Naivetät dieser Gegend das Dreifache. Ich will mir meine eigene Hofhaltung schaffen.

Nach einem Jahr stand Schloß Patmos da, wie aus Zucker und Tragant gebildet. Herr von Landry lud ein, was jemals im Leben einen Strahl von Versailles erhascht hatte, und ein unendlicher Jubel entstand unter dem französischen Pfründenadel zu Straßburg. Ach, wie atmeten diese Franzosen auf! Mit den Elsässern war keine Anspielung und kein Lächeln zu tauschen. Sie verstanden kein Parfüm, keinen Schnitt, keine Mode, kein Kompliment und keine Bosheit. Eine reich bezahlte Stelle und ein sorgenloses Amt hatte viel entzückende Leute nach diesem Straßburg gelockt. Voll tanzender Hoffnung waren sie gekommen und sahen hier Menschen mit Rosetten an den Hosen, mit ungepudertem Haar, ja sogar Menschen in Stiefeln, Menschen, die den Hut dazu mißbrauchten, ihn auf den Kopf zu stülpen, statt ihn unter dem Arme zu tragen. Es waren hier Leute, die nicht einmal wußten, den Spazierstock graziös auf den Boden zu setzen, geschweige denn ihre Beine. Alles war aus!

Da eröffnete ihnen dieser schwermütige Halbgott Landry sein neu umgebautes, zuckernes, filigranes und brokatnes Patmos. Ein kleines Versailles, neuester Mode. Ach, die Welt war wieder wohnlich!

Es kamen in Scharen, die es mit Grazie verstanden, unnütz zu sein. Nicht ein Zimmer im Schlosse war unbesetzt, und was von den Bewohnern nicht dem Adel angehörte, war mindestens Blumenstaub aus der feinsten Blüte des geistigen Frankreich. — Dichter, Musiker, Philosophen und zwei Maler waren von Paris verschrieben worden. Das leichte Geistesvolk weilte gern in Patmos. In Paris war große Rivalität und allzuviel Angebot; hier schmückte es Schloß und Park wie Halbgötter auf ehrfurchtsvollen Postamenten.