Nun hatte man schon das zweite Jahr im ältern Versailler Stil Konversation gemacht, hatte musiziert, getanzt, Komödie gespielt, gejagt und geliebt, da fuhr der Schreck in Herrn von Landry, ob man in Paris und Versailles nicht inzwischen längst eine neue Mode hätte?
Es war ein großes Wagnis; er fuhr trotz des königlichen Verbots in einer sehr vollkommenen Verkleidung nach Paris; als ein deutscher Gelehrter, um dort von den Intimsten seines Briefwechsels zu erfahren, wie man inzwischen seine Kleider, seinen Geist, seine Perücke und seine Gefühle trug.
Da ward ihm eine große Überraschung. Schon seit Herr Benjamin Franklin dagewesen war, versuchte man sich ein wenig in Aufrichtigkeit; nun aber war Herr Jean Jacques Rousseau unwiderstehlich in Mode gekommen, und man spielte geradezu Natur! Man versuchte die Natur genau so zu sehen wie Herr Rousseau und entdeckte hiedurch mehr als ein Dutzend ungeahnte, gänzlich neue Gefühle. Ganz Paris und Versailles waren entzückt. Der König schob eigenhändig einen Bauernkarren aus dem Dreck, die Königin buk eine Omelette, ja Madame de France spielte einmal den guten, aufrichtigen Bauern unter der Dorflinde auf der Geige zum Tanz auf. In allen Salons bewunderten sie das Gefühlsleben der Kohlenbrenner und Wilddiebe, und der Herzog von Orléans brach in Freudentränen aus, als er in dem Dorfe Saint Léger ein bäurisches Ehepaar streiten fand und hierbei die erste Ohrfeige sah und hörte.
Mit einem köstlichen Gefühl eilte Chevalier Landry nach dem Elsaß zurück und brachte der reizendsten aller Gastgesellschaften den unerhörten Vorsatz mit, sie werde sich von nun an der Natur gemäß zu verhalten und zu unterhalten haben.
Herren und Damen überboten sich von da ab in Erfindungen und Entdeckungen, aber vollkommen wurde man erst, als der Chevalier zur größten Ergötzung der erlauchten Gesellschaft ein Naturkind eingeladen hatte, das die Feinheiten der übrigen vergangnen Moden noch gar nicht erst kennen gelernt hatte.
Das war ein deutscher Jüngling.
Hans Georg von Hirschbach kam aus dem Thüringer Walde und hatte soeben in Straßburg die Philosophie zu Ende studiert. Er war ein Prachtjunge, aber nur für Deutschland. Aufmerksam und nachdenklich, von einer zusammengehaltenen Resolutheit, etwas schweigsam, etwas einsam, etwas holperig. Er hatte eine warme, tiefe, herzliche Stimme, lachte stets nur aus Freude und nie über Bosheiten, schlug und balgte sich ein wenig gern, scheute sehr die Damen, war hellbraun, krausköpfig, stämmig und hatte einen festen Nacken, schiefgeneigten Kopf, starke Stirne und starke Kinnbacken. Sein Teint war kräftig wie Roggenbrot, sein Gang etwas werfend und schleuderhaft, wenn er allein die Landstraße maß, und höchst befangen und stolperbedroht in Gesellschaft.
Er hatte zu Hause nichts getrieben als Vogelfang und Pirschjagd. In Straßburg war er ein bißchen im Fechten, Schießen und Reiten fortgefahren, hatte das Zechen, das Singen und Radaumachen erlernt, war dann über die Bücher geraten und hatte sich mit seiner ganzen Waldburschenseele dem Shakespeare verschrieben.
Und gerade Hans Georg geriet in die diskrete, lächelnde, wespenboshafte und bis zum Überschwang liebenswürdige Gesellschaft im Schlosse des Chevaliers Landry!
Er geriet mit Wissen und Willen seiner Mama hinein, die außerordentlich viel auf die feingeschliffene Kultur von Versailles gab. Hans Georgs Mama war zärtlich, geistvoll, belesen und sprach das delikateste Französisch, alles mitten im Thüringer Wald. Sie wünschte sehr, daß ihr Sohn diese Eigenschaften von ihr geerbt haben möchte, die er an einer bessern Stelle verwerten sollte. Ihr Bittgesuch hatte der alte Freund der Familie, ein Straßburger Gelehrter und Gast Landrys, dem Hausherrn von Schloß Patmos gebracht und eine Einladung voll Honigseim erfloß nach Straßburg „an den Chevalier Jean de Hirsbac“.