In der Fahrpost, in welcher der junge Thüringer nach dem Schlosse fuhr, saß nur noch eine Reisende, nebst unermeßlich vielen Koffern und Schachteln. Diese Dame war so jung, so graziös, so schön und in jeder Bewegung so sicher, daß Hans Georg vor Scheu fast die Beine unter sich auf den Sitz gezogen hätte. Denn es waren Beine, die in Stulpenstiefeln steckten, was ihn zum erstenmal sehr genierte. Wenn man zierlich sein wollte, dann trug man ohne Nachsicht Kniehosen und Seidenstrümpfe.
Er fürchtete sich vor ihrer Bekanntschaft. Er betrachtete sie lange Zeit nur ganz versteckt, gelegentlich aus dem Profil hinüberhuschend. Sie war königlich blaß, hatte eine kapitale Frisur, breiten Hut à la Schäferin, eine wunderbar reine Stirn, und der Mund wie das Profil waren fein und von gefaßtem Schwung. Die Augen hatte sie durch die stolz und nachlässig geschlossenen Lider verdeckt, aber man sah durch diese zarten Lider, daß sie tief und groß und braun waren.
Das wird eine respektvolle, traurige Reise werden, dachte der junge Hirschbach, zog die Füße nach hinten, legte die Hände gleichmäßig auf die Knie und schaute den wundervollen, bläulich violetten Lichtreflex auf dem ungepuderten schwarzen Haar der jungen Dame an, der direkt vom Himmel durch das Fenster auf sie kam, bei jeder Pappel am Weg aufhüpfte, bei jeder Sonnenbiegung mit Goldbraun tauschte und langsam unter dem puderfeinen Straßenstaub erstickte.
In Molsheim fragte er den Postmeister, ob er über Schloß Patmos etwas wisse.
„Wir nennen es anders,“ sagte der Postmeister mürrisch. Der Herr von Landry war bei Bürger und Bauer gleich unbeliebt. Alles Geld ging nach Paris, die Handhabung der Gerichte war von den ärgsten Mißbräuchen begleitet, und die Bauern wurden von den Pächtern auf das empörendste ausgesogen, denn Landry brauchte entsetzlich viel Geld und kümmerte sich trotz seines weichen Herzens ganz und gar nicht darum, woher es kam. Er wußte gar nicht, daß Geld manchmal sehr schwer wog, Lebenskraft und Blut bedeutete. Für ihn war der Louisdor eine Spielmarke.
Die Dame im Fond des Wagens blickte auf. „Ah, Sie wollen nach Patmos?“
„Ja, Madame,“ sagte der gute Junge ängstlich, da er soeben für den Postmeister eine Grobheit fertig hatte und nun nicht wußte, wohin damit.
„Als Gast?“
„Ja, Madame.“
„Da sind wir Kameraden.“