»Nein, Joseph, das werde ich dir nicht einreden. Deine Heiligkeit« — sie lächelte vor sich hin — »ist mir gewiß nicht unbekannt. Und die meine — ich hab’ in den vielen Jahren, in denen ich allein saß, gelernt, auf mich zu achten, damit mir meine Empfindungen nicht zu jeder Zeit davonliefen. Das ist meine Heiligkeit.«
»Du bist zehnmal stärker als ich.«
»Zehnmal schwächer. Sonst hätte ich die Schutzwehr nicht nötig.«
»Und wenn du sie nicht hättest? Was wäre dann gewesen?«
Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen. Ihre Brust hob sich, als wollte sie eine Last abschütteln.
»Laß das, Joseph!«
»Sag es mir,« bat er und streichelte ihre Hand.
»Was dann — gewesen wäre?« wiederholte sie stockend. »Wenn du heimgekommen wärst wie jetzt, und ich — hätte dich in meine Kammer eingelassen? An den Hals hätt’ ich mich dir geworfen, an den Hals! Ohne Scham, ohne Stolz! Wie eine Verdurstete hätt’ ich mich meinem Mann an den Hals geworfen. Herr Gott!«
Die Erregung schüttelte sie. Sie sprang auf und ging bis in die Ecke des Zimmers. »Still,« sagte sie, »antworte nicht. Jetzt um Gottes Willen nicht antworten. Wo käm’ ich hin, wenn ich meine Ruhe verlöre? Wohin kämen wir alle? Und eins will ich vor den anderen Frauen voraus haben, die sich um dich drängen: mich selbst!«
Sie hatte sich beruhigt und kehrte zurück. »Siehst du, Joseph, damit halte ich uns das Haus.«