Sie legte ihm die Hände über die Ohren und küßte ihn mit ungeschickten Kinderlippen.
»Komm,« sagte der Junge, »wir laufen in die Stadt. Da ist es jetzt am amüsantesten.«
Er nahm das Mädchen bei der Hand, lief mit ihr zur Schiffsbrücke, erlegte ritterlich für sie mit das Brückengeld, und dann galoppierten sie über die ächzenden, schaukelnden Planken. —
Moritz Lachner stand noch immer auf demselben Fleck. Langsam stieg ihm das Blut aus den Wangen bis in die Stirn. Er nahm sein rundes Filzhütchen ab und strich mechanisch über sein rötliches Haar. Er schämte sich ... Da war er, der vierzehnjährige Untersekundaner, mit diesem zwölfjährigen hochmütigen Bengel und der kleinen zehnjährigen Carmen hierhergelaufen, statt hinter den geliebten Büchern zu sitzen. Nur, weil der Junge ein Patriziersohn und das Mädchen ein Künstlerkind und — ja doch — und schön war. Dr. Joseph Ottens, des berühmten Sängers und modernen Rezitators Otten Tochter! Und er hatte ihr Geschichten erzählt, den ganzen Nachmittag lang, und alle seine Weisheit vor ihr ausgekramt. Und Pferd gespielt und sich von dem wütenden Laurenz um ihretwillen die Beinkleider verderben lassen. Und zum Schluß sein englisch Pflaster geopfert und zugesehen, wie der bekämpfte Rivale noch dazu einen Kuß erhielt. Und dann — —
Es stieg ihm feucht in die Augenwinkel.
Dann hatte man ihn stehen lassen. In der Freude hatte man ihn vergessen. — —
In der Ferne sah er sie über die Schiffsbrücke laufen. Sie jagten sich und rannten gegen ein paar Brückenarbeiter, die hinter ihnen herschimpften. Noch einen Augenblick kämpfte er mit sich. Dann senkte er den Kopf und trabte hinterher.
»Sie weiß noch nicht, daß ihr Vater heut kommt und im Gürzenich singt,« beschwichtigte er seine Scham. »Das muß ich ihr noch sagen ...«
»Heut kann ich bis wenigstens acht Uhr draußen bleiben,« verriet die Kleine ihrem Freunde Laurenz, als sie die Brücke verließen. »Mutter gab keine Antwort, als ich sie fragte. Sie war den ganzen Tag so still. Da bin ich echappiert.«
Sie drückten sich an der Rheingasse vorbei. Schmal und hochgiebelig, mit schweren Balkenlagen und reichem, altkölnischem Schnitzwerk stand das Haus der Ottens. In der Haustür lehnte trotz des Winterabends ein untersetzter Mann mit grauem Stoppelbart, fest in ein gestricktes Wollenkamisol eingeknöpft, eine Schiffermütze auf dem Kopf. Er rauchte aus einer dünnstieligen holländischen Tonpfeife und blies die Kringel über die Gasse.