»Also hat dir die Seelsorge stark zugesetzt?«

»Der Pfarrer kam häufig ins Haus. Dann hin und wieder einmal. Zuletzt blieb er fort. Es lohnte nicht.«

»Es lohnte nicht,« wiederholte Otten. »Und alles, was dazwischen liegt, ist damit abgetan. Wie groß muß dir das erscheinen, was sich für dich lohnt.«

Sie antwortete nicht. Sie fühlte, daß ihr Tränen kommen würden, und die Nacht war doch vorbei. Der Tag aber machte andere Rechte an sie geltend. Und heute zumal. Es würden doppelte Mutterpflichten werden, für das Kind, das in die Jugend hineinwuchs, und für den Mann, der aus der Jugend nicht herauswachsen wollte und konnte.

Sie beugte sich über ihn. Er war eingeschlafen. So ruhig atmend lag er, als hätte kein Sturm über ihn Gewalt, als wäre er des Wächters sicher. Knabenhafter Friede mischte sich mit den kühnen Manneszügen. Und Frau Maria dachte: »Das ist eine der Stunden, in denen er mir ganz allein gehört. Auch seine unruhige Seele. Jetzt halt’ ich sie in Händen.« —

Das Tageslicht fiel durch die Spalten des Fenstervorhangs. Frau Maria hatte geträumt. Sie sah den Mann, dem sie sich unwiderruflich anheimgegeben, um fünfzehn Jahre jünger. Als Neuerwecker des deutschen Liedes zog er aus, und sie glückberauscht an seiner Seite. Ein Frühling war über die Lande gekommen, über ihr Herz. Kein Mensch hatte ein solches Blühen erlebt als nur sie. Als nur sie! Das strich man nicht aus einem Leben, wollte man nicht seinen ganzen Inhalt preisgeben. Und die Frau las in den Zügen des vor ihr Liegenden und las und las, und immer mehr las sie den Frühling ihres Lebens heraus, träumend in Erinnerungen, dankerfüllt, daß sie sie zu eigen hatte.

Als Verkünder des deutschen Liedes war er ausgezogen — als Künstler kehrte er heim.

Nein, das war nicht die Erfüllung aller Hoffnungen. Und dennoch der besten: er fand zu ihr heim. Mochte er sonst sein, wer er wolle. »Ich weiß nichts, als daß ich ihn lieb behalten muß.« — —

Im Zimmer Carmens regte es sich. Die Frau horchte auf. Sie hörte die Tür gehen. Und leise löste sie ihre Hand aus der des Schlafenden, erhob sich und ging hinaus.

»Guten Morgen, Mutter. Es ist spät geworden.«